NEW York & Washington D.C.
Einige glorreiche Jahre stand der ZIL‑111 im gleißenden Rampenlicht der US‑Tagespolitik. Jahre, in denen sich die Qualität seines schwarzen Nitrolacks im Blitzlichtgewitter der Weltpresse beweisen mußte. Seinen ersten Auftritt hatte der Wagen 1959 als Exponat einer sowjetischen Ausstellung in New York. Seine “politische Laufbahn” begann 1962, als der Wagen genutzt wurde, um Moskaus neuen Botschafter, Anatoli Dobrynin, bei seiner Ankunft in Washington abzuholen. Auch bei den Besuchen von Andrei Gromyko bei den US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson kam das Fahrzeug zum Einsatz.
Der ZIL scheint seine Aufgabe gut gelöst zu haben. Es sind keine Bilder bekannt, die ein liegengebliebenes Fahrzeug zeigen. Für die jüngeren Leser sollte vielleicht hinzugesetzt werden, daß in der ersten Hälfte der 1960er Jahre eine Autopanne mit der gleichen Häufigkeit auftrat, wie eine Erkältung. Es gehörte zum Alltagsgeschehen, ein Zuspätkommen mit “wir sind leider liegengeblieben” oder “unser Auto hatte einen Platten” und allzu oft auch “der Motor sprang nicht an” zu begründen. Verölte Kerzen, Wasser im Vergaser oder Zündaussetzer durch defekte Kerzenstecker spielten im täglichen Sprachgebrauch eine lebendige Rolle und bewirkten mehrere Ausfälle pro Jahr.
Ein Diplomatenkennzeichen des Districts of Columbia (D.C.) am Fahrzeug des Botschafters der UdSSR Anatoli Dobrynin. Auf dem rechten Kotflügel ist ein Fahnenstock befestigt.
Seinen ersten Auftritt in New York absolvierte der ZIL-111 anlässlich einer großen sowjetischen Ausstellung der Errungenschaften in Wissenschaft, Technik und Kultur, die vom 30. Juni bis 10. August 1959 im Coliseum stattfand.
Das Kulturabkommen des Vorjahres zwischen den Erzrivalen des kalten Krieges öffnete eine lange verschlossene Tür.
Die sowjetische Ausstellung stieß auf großes Interesse, denn nach Jahren propagandistischer Verzerrungen wollten sich viele New Yorker ein eigenes Bild machen. Während technische Exponate wie der nachgebildete Sputnik oder das Schnittmodell des ersten Atomeisbrechers beeindruckten, wurden die Konsumgüter skeptisch betrachtet. Küchenmöbel wirkten veraltet, da ihnen die Automatisierung fehlte und die Pelze der Models waren zwar hochwertig, aber altbacken geschnitten. Auch die sowjetischen Fahrzeuge lösten im Land der modernsten Automobilindustrie der Welt eher gemischte Reaktionen aus – trotz intensiver Vorbereitungen bei ZIL, GAZ und Moskwitsch.
Iswestia (“Nachricht”) vom 28.03.1959:
“Das Team des Moskauer Automobilwerks Lichatschow hat mit der Produktion des siebensitzigen Luxuswagens ZIL-111 begonnen. Dieses Fahrzeug wird auf der bevorstehenden Ausstellung in New York präsentiert.
Im Bild: Ein ZIL-111 in der Versuchswerkstatt des Werks.”
Ein rascher Seitenblick auf die beiden zur Ausstellung mitgereisten Moskwitsch-Exportvarianten 407E und 423E. Die Russen rechneten sich Chancen nicht trotz, sondern gerade wegen der geringen Abmessungen der Fahrzeuge aus. So etwas fehlte auf dem bereits damals stark gesättigten US-Markt. Auch die Zweifarblackierung lag durchaus auf der Höhe der Zeit. Doch die bescheidene Motorisierung mit jeweils 45 PS ernüchterte potentielle Käufer.
Armaturenbrett, Lenksäule und sogar das Griffstück der Handbremse zeigten sich Ton in Ton mit der Außenlackierung und den Felgen. Die Türinnenverkleidungen wurden durch Leder und edle Stoffe aufgewertet und ein gestyltes Modell hinter dem Lenkrad vervollständigte ein Bild, das man in Moskaus grauem Alltag sicher nicht häufig sah.
Der US-Autohändler Ändrea Motors Inc. importierte 100 Moskwitsch, bevor die große Politik seine Geschäftsidee durchkreuzte. Nachdem ein U2-Spionageflugzeug vom sowjetischen Himmel geholt und die Gerichtsverhandlung des Piloten Gary Powers in Moskau medienwirksam inszeniert worden war, mochte sich kaum noch ein Amerikaner einen “Moskauer” auf den Hof stellen.
Zurück zum ZIL. New York liegt auf demselben Breitengrad wie Neapel und im Sommer steigt das Quecksilber regelmäßig über 30°C mit einer Luftfeuchtigkeit oft über 60 Prozent. Daher war ein ZIL-111A mit Klimaanlage ausgestellt worden, denn im Jahr 1959 besaß Air Condition in der Oberklasse von US-Fahrzeugen bereits eine weite Verbreitung. Der Wagen gab durchaus kein schlechtes Bild ab, wie auch der zeitgenössischen Presse zu entnehmen war.
Doch selbst die beeindruckende Motorleistung des ZIL‑111 reichte nicht aus, um mit Cadillac Series 75, Lincoln Continental oder Chrysler Imperial gleichzuziehen. Dies galt um so mehr für dessen Leistungsgewicht (Quotient aus Fahrzeugmasse und Motorleistung). Seinem stilistischen Vorbild, dem 1956 Packard Caribbean kam er zwar in formgestalterischer Hinsicht nahe, doch technisch lag er noch weit zurück. Wo der Packard Jahre zuvor bereits Drehstabfederung mit automatischem Niveauausgleich bot, waren beim ZIL konventionelle Blattfedern montiert. Seine Motorleistung blieb mehr als ein Drittel hinter dem Caribbean zurück und Ausstattungsbesonderheiten wie ein Sperrdifferential “Twin‑Traction”, elektrische Sitzverstellung oder auch Dreifarblackierungen suchte man beim ZIL-111 vergebens.
Auch Präsident Eisenhower besuchte die Ausstellung in New York. Als zeitversetzt die “Gegenausstellung” in Moskau stattfand, fuhr Nixon im ZIL-111 von Chrustchow zum Ausstellungsgelände.
Mit der Anmutung eines Fahrzeugs der höchsten Klasse eignete sich der sechs Meter lange ZIL-111A ausgezeichnet als Repräsentationswagen der sowjetischen Botschaft in Washington.
Mit diesem Auto stattete der damalige Außenminister der UdSSR Andrei Gromyko in Begleitung von Botschafter Dobrynin am 18.10.1962 dem US-Präsidenten JFK im Rahmen der Kubakrise einen Besuch ab.
Der ZIL-111A blieb ein Exot auf den US-Straßen und als solches natürlich auch ein Zuschauermagnet. Fünf Jahre lang wurden die Ersatzteilversorgung und Fahrzeugwartung aus der Ferne aufrechterhalten, bevor die Russen die Reißleine zogen und den ZIL auf einem Schiff zurück in die Heimat transportierten.
Heute kaum noch vorstellbar, aber das war den Zeitungen des ganzen Landes eine Meldung wert.
Der Autor des folgenden Artikels blickte noch einmal auf die Anfangstage des ZIL in Washington zurück: “Passanten klingelten an der Haustür, um zu fragen, ob die Türgriffe und Stoßstangen des Wagens, der ein wenig wie ein Packard mit Cadillac‑Ambitionen aussah, wirklich aus 14‑karätigem Gold bestanden (der Glanz stellte sich als ein Schutzöl für den Transport heraus).“
Der Gedanke an goldene Anbauteile mag überzogen erscheinen, doch die Schriftzüge am Packard Caribbean waren tatsächlich vergoldet.
WEITERFÜHRENDE LINKS
Francis Gary Powers (Neue Zürcher Zeitung vom 30. April 2010; deutsch)
Anatoli Dobrynin (Wikipedia; russisch)
Andrei Gromyko (Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv; deutsch)
John F. Kennedy (tabellarischer Lebenslauf; deutsch)
Lyndon B. Johnson (White House Historical Association; englisch)
Ausstellung der Errungenschaften in Wissenschaft, Technik und Kultur in New York (englisch)
American National Exhibition in Moskau (Magazin “Der Spiegel”; deutsch)
Kubakrise (Bundeszentrale für politische Bildung; deutsch)
Quellenverzeichnis
Abbildung 1, 8 - Dave Czirr
Abbildung 2 - Flyer “USSR Exhibition New York”, International Arts and Sciences Press, 1959
Abbildung 3 - Iswestia (“Nachricht”) vom 28.03.1959
Abbildung 4, 5 - Moskwitsch 407 / 410 / 423, Werbeheft 1958, Autoexport Moskau
Abbildung 6 - Palos Verdes News vom 16.07.1959
Abbildung 7 - The Daily Herald vom 24.07.1959
Abbildung 9 - Winnipeg Free Press vom 21.10.1967
Abbildung 10
- Austin Herald vom 21.10.1967
- The Progress Index vom 22.10.1967
- Biddeford-Saco Journal vom 21.10.1967
- The Lima News vom 21.10.1967
- The Daily Reporter vom 21.10.1967
- The Daily Chronicle vom 21.10.1967
- Northwest Arkansas Time vom 23.10.1967