Nehru in der Sowjetunion
Lesen Sie heute, wie ein indischer Premierminister im ZIS-110 durch die Sowjetunion reiste, das Land jedoch mit einem Traktor verließ.
1955 Nehru im Metallurgischen Kombinat Magnitogorsk
Indien erlangte am 15. August 1947 seine Unabhängigkeit vom Britischen Königreich. Bereits zuvor hatte die UdSSR den neuen Staat als eines der ersten Länder diplomatisch anerkannt. Diese frühe Anerkennung, Nehru’s offenkundiges Interesse an staatlich gelenkter Wirtschaftsentwicklung sowie die in Indien verbreitete Wahrnehmung der Oktoberrevolution als antikoloniales Vorbild hätten den bilateralen Kontakt grundsätzlich begünstigt. Doch erst nach Stalin’s Tod im Jahr 1953 konnten die zwischenstaatlichen Beziehungen tatsächlich vertieft werden, da Stalin außenpolitische Neutralität als Unsicherheitsfaktor betrachtete. Das Jahr 1955 brachte die Wende.
Nehru wurde 1955 in Moskau als Staatsgast begrüßt
Die gegenseitigen Erwartungen waren hoch, als Nehru mit seiner Tochter Indira Gandhi zu einer 13tägigen Reise in die Sowjetunion aufbrach. Indien suchte industrielle Modernisierung und wirtschaftliche Kooperation unter Wahrung der politischen Neutralität.
Die UdSSR hingegen suchte Partner außerhalb der westlichen Allianz, wollte das eigene Prestige aufwerten und westliche Einflüsse in Asien abschwächen. Dafür bot sie Technologietransfer in den Bereichen Maschinenbau, Stahlwerke sowie Energieprojekte.
Nehru wurde in der UdSSR festlich empfangen und die sowjetische Führung konnte den Besuch propagandistisch nutzen. Ein Gegenbesuch noch im selben Jahr wurde vereinbart.
Festliches Banner über dem Leningrader Prospekt mit der Aufschrift:
Hallo Premierminister Nehru! Herzlich willkommen!
Привет, премьер‑министру Неру! Добро пожаловать!
Tausche ZIS gegen Traktor
Der russische Autor Sergej Arbusow veröffentlichte im Jahr 2022 auf der Internetseite News.ru als Ergebnis einer Recherche, daß im russischen Staatsarchiv für jüngere Geschichte der Beschluß des Zentralkomitees der KPdSU vom 6. Juni 1955 aufbewahrt wird, dem indischen Premierminister "als Geschenk der Regierung der UdSSR zwei geschlossene ZIS-110-Fahrzeuge (neben anderen Geschenken)" zu überreichen. Den Link zur vollständigen Veröffentlichung finden Sie unten im Quellenverzeichnis.
Bei den Regierungen des Ostblocks war der ZIS im Regierungsfuhrpark hochwillkommen. Doch der indische Botschafter Menon informierte in Hinblick auf die Annehmbarkeit des Geschenks „daß der Import solcher Fahrzeuge nach Indien als verbotene Einfuhr von Luxusgütern betrachtet würde” (für den Pelzmantel für die Tochter des Premierministers galten offenbar andere Regeln). Er riet dazu, dem Premierminister stattdessen einen Traktor zu überreichen.
DT-54 mit Sämaschine
Diese Bitte leitete der stellvertretende Außenminister der UdSSR, Andrei Gromyko an das Politbüro weiter. Daraufhin stellte das Ministerium für Kraftfahrzeuge, Traktoren und Landtechnik der UdSSR folgende Gegenstände „in Exportausführung mit hoher Verarbeitungs-, Oberflächen- und Farbqualität“ bereit:
ein Traktor DT-54 aus dem Werk in Stalingrad ,
ein gezogener fünfschariger Pflug P5-35-Ts,
drei Sämaschinen SD-24 mit Anhängevorrichtung,
zwei Dampfgrubber KP-4M,
eine Scheibenegge LD-10,
ein Anhängemähdrescher S-8 sowie Ersatzteile.
11.07.1955 Neru an dem im Bau befindlichen Wasserkraftwerk Wolgograd
Eine Dienstreise mit Folgen
Für Indien bildete der erfolgreiche Besuch einen Beleg dafür, daß Neutralität auch in wirtschaftlicher Hinsicht funktionierte. Diese Reise legte den Grundstein für die indische Schwerindustrie.
Indien blieb dabei neutral, doch die UdSSR gewann Marktzugang, internationale Geltung und Vertrauen. In den 1960ern wuchs die UdSSR zum wichtigsten Partner für die Industrie und Verteidigung Indiens.
WEITERFÜHRENDE LINKS
Polsci Institute (Initialphase sowjetisch-indischer Beziehungen; englisch)
Globalsecurity.org (Beziehungen zwischen Indien und der UdSSR; englisch)
Nehruarchive.in (englisch)
Quellenverzeichnis
Abbildung 1 - RIA Nowosti / Foto: Anatoly Garanin
Abbildung 2 - unbekannte Quelle
Abbildung 3, 4 - Aleksej Gostev
Abbildung 5 - Fortepan.hu
Bericht von Sergej Arbusow vom 9.10.2022 auf News.ru (russisch)