Entstehungsgeschichte des ZIS-110 Teil 2
Die nachfolgenden Angaben basieren auf Dokumenten der russischen Staatsarchivs, Fachbereich R-415, recherchiert von Sergei Arbusow, veröffentlicht auf dem russischen Internetportal Drom am 11.10.2020 sowie eigenen Ergänzungen.
1943 - ohne Packard geht es nicht voran
Der „Forschungsplan für 1943“ sah bis August vor:
1) Entwurf des neuen Modells eines 7-Sitzer-Personenwagens vom Typ „Lux“,
2) Bau und Erprobung von vier Prototypen,
3) Analyse (Vermessung und Oberflächenprüfung) diverser Packard‑Teile, insbesondere aller kritischen Motorenkomponenten und Festlegung des technologischen Endbearbeitungsprozesses sowie
4) Definition und Etablierung von rationeller Methoden durch Presswerk und Technikabteilung zur Herstellung von Karosserieteilen des neuen Autos in einer Kleinserienfertigung.
Tatsächlich jedoch war im September 1943 von keinem Prototyp die Rede, geschweige denn von dessen Erprobung. Der „Mitteilung über den Stand der Forschungsarbeiten im Werk” am 27. September 1943 ist zu entnehmen, daß lediglich ein Modell eines Personenkraftwagens angefertigt worden war.
Holzmodell mit einfacher Kühlerfigur und hinterem geteilten Ausstellfenster
Der Hauptgrund für die Verspätung lag in der Verzögerung der Neuwagenbestellungen bei Packard. So konnte Direktr Lichatschow erst am 3. August anordnen, daß im Zusammenhang mit dem Wareneingang der importierter Pkw-Muster beim Automobilwerk ein Forschungsplan durch Chefdesigner Fitterman vorgelegt werden muß. Infolgedessen genehmigte der Werkleiter erst Ende Oktober oder Anfang November den Zeitplan für die Vorbereitung der Produktion des Personenkraftwagens und versuchte, die Arbeiten anschließend durch einen Notfallplan sowie die Bereitstellung von Prämiengeldern im Gesamtwert von 150.000 Rubeln zu beschleunigen. Das Gehalt eines Produktionsplaners betrug 1943 etwa 500 Rubel pro Monat.
Sechs Wochen nach Ankunft der importierten Packards erteilte Lichatschow den Auftrag zur Entwicklung von Spezialschmierstoffen.
Die kommunistische Mangelwirtschaft erschwerte natürlich jeden Schritt. So waren die Ingenieure und Technologen gezwungen, auch die Fertigungsmaschinen zu reparieren. Die Konstruktionsabteilung entwarf Zeichnungen, um die hydraulische Getz-Presse zu restaurieren, die neuen Teile der Presse wurden in der betriebseigenen Gießerei gegossen, in der Schmiede geschmiedet und in der mechanischen Reparaturwerkstatt bearbeitet.
Packard 180, Super Eight, 20. Serie, Modell 2008, 8 Zylinder, 165 PS, 148 Zoll Radstand, 5-7 Personen-Tourenlimousine (Karosserietyp 1521), von LeBaron, letzte Packards des Jahres 1942, verkauft an die russische Regierung, jedoch …
… an die russischen Botschaft in Washington, D.C. übergeben worden, zur Nutzung durch …
… Nikolai Novikow, den sowjetischen Botschafter in den Vereinigten Staaten. Diese und die vorherige Aufnahme entstanden im Jahr 1947. Somit käme allenfalls eines diese Fahrzeuge als Urahn des ZIS in Betracht.
Kein Prototyp im dritten Entwicklungsjahr
Am 23. November 1943 legte der Werkleiter Lichatschow das Datum für die Veröffentlichung eines Holzmodells auf den 25. Dezember desselben Jahres fest. Das Versuchsmodell einer Antriebsmaschine sollte bis zum 1. April 1944 fertiggestellt werden. Für die Arbeit stellte er weitere 70 Lebensmittelmarken zur Verfügung. Die Gesamtleitung für die Herstellung eines Prototyps wurde dem Chefingenieur des Werks Tachtarow, übertragen.
Im „Bericht über die Design- und Experimentalabteilung“, der vom Chefdesigner Fitterman auf der Grundlage der Arbeitsergebnisse von 11 Monaten im Dezember 1943 erstellt wurde, ist verzeichnet: „Herstellung eines Holzmodells eines Personenkraftwagens im Maßstab 1: 7 - 7 Stück , Herstellung des ersten Pkw-Modells in Originalgröße – 1 Stück“.
Im „Bericht über die Umsetzung des Plans für Forschungsarbeiten“ findet sich eine interessante Ergänzung: „Das Layout wurde im Allgemeinen und im Detail demonstriert und kritisch begutachtet, danach wurde die zweite Version angefertigt“ und „Arbeitszeichnungen aller Haupteinheiten des neuen Wagens wurden angefertigt“.
Die Entwicklung des Layouts war gemeistert, doch der Prototyp ließ weiterhin auf sich warten.
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QUELLENNACHWEIS
Abbildung 1 - Detroit Public Library, National Automotive History Collection
Abbildung 2 - Kurzer Leitfaden für inländische Automobile und Anhänger, Moskau 1956
Abbildung 3 - © Guscha.de ex Amtorg NYC
Abbildung 4, 5 - © Gettyimages (Layoutpictures, educationl purpose only)