Cabriolet- Sonderkarosserien Teil I

Welche Cabriolet-Bauformen oder Werksmodifikationen des ZIS-110B gab es?

  • Phaeton (ohne Seitenfenster)

  • Phaeton mit Ausstellfenstern

  • Phaeton mit weiteren Fenster- bzw. Verdeckvariationen

  • zwei Seitenfenster

  • zwei Seitenfenster, Kotflügelverkleidungen, Tonneau‑Cover

  • zwei Seitenfenster, Trennscheibe (Tonneau)

  • vier Seitenfenster

  • vier Seitenfenster, Trennscheibe (Tonneau), hydraulisches Verdeck

  • sechs Seitenfenster

  • sechs Seitenfenster, Trennscheibe (Tonneau)

 

Das Design und die konstruktiven Details des Packard OneEighty wurde von den Ingenieuren und Designern der Moskauer Stalinwerke beim ZIS-110B mit der gleichen Bedenkenlosigkeit nachgeahmt und nachgebaut, wie man sie in vielen Entwicklungsländern antrifft. Scham scheinen die Kommunisten dabei nicht empfunden zu haben, wenn sie mit diesen Wagen auch international in Erscheinung traten, beispielsweise bei Kongressen mit US-amerikanischer Beteiligung. Es steht zu vermuten, daß dieselben Fahrzeuge, die zu Hause als Spitzenprodukt der heimischen Fahrzeugindustrie die Schlagzeilen beherrschten, international mit süßsäuerlichem Lächeln benutzt worden sind, denn ein ZIS ist von einem Packard auf zwanzig Meter kaum auseinanderzuhalten.

Drei ZIS-110 inMoskau auf www.guscha.de

DOSAAF-Feierlichkeiten in Moskau im Jahr 1949 - ganz links im Bild ein 110B Phaeton.

Doch dem Kopieren waren gewisse Grenzen gesetzt, klimatische beispielsweise. Wagen, die zwar in Detroit gebaut, jedoch für den Verkauf in den wärmeren Südstaaten wie Mississippi, Tennessee oder Florida konzipiert waren, benötigten im feuchtwarmen, subtropischen Klima zwar ein Verdeck, auf Seitenfenster kann man jedoch beinahe ganzjährig verzichten. Da bietet sich ein Phaeton an. Stalin, der Grusinier (veraltet für Georgier) stammte aus einem im Sommer sengend heißen Land und hatte solche Wagen bereits in seiner früheren Funktionärskarriere kennen und schätzen gelernt.

Packard Phaeton in Rußland

Das die obige Aufahme in Rußland entstanden sein muß, ist unverkennbar und auch der Zeitabschnitt ihrer Entstehung läßt sich anhand der Uniformbluse des Fahrers ohne Schulterstücken gut datieren: vor Beginn des II. WK.
Ich bin nicht sicher, ob es sich beim Rotarmisten um Pawel Osipowitsch Udalow handelt, der seit 1923 die “Garage mit besonderem Verwendungszweck” (GON) leitete. Udalow war einer von Stalin’s persönlichen Fahrern und blieb in dieser Verwendung bis Stalin starb. Alle Garagenfahrer waren erstklassige Profis, aber mit Udalow unternahm Stalin seine bekanntesten Reisen: nach Potsdam, Teheran und Jalta.

Mit dem Phaeton durch den Winter

Die Aufnahme verdeutlicht, wie man mit Phaetons dem russischen Winter trotze: mit einknöpfbaren Seitenscheiben aus Zelluloid und Pelzkragen.

Ein knöpfbares Verdeck bot Schutz vor Regen, Schnee und Fahrtwind, hatte der Kälte jedoch nur wenig entgegenzusetzen.

Nach der deutschen Norm DIN 70011 „Aufbauten für Personenkraftwagen; Benennungen und Begriffe“ vom März 1959 war der „Phaeton (Tourenwagen)“ definiert als offener Personenkraftwagen mit zwei oder mehr Sitzen, zwei oder vier Türen und aufsteckbaren oder einknöpfbaren losen Seitenteilen; das Verdeck mußte als zurücklegbares oder versenkbares Scherenverdeck oder als zurücklegbares oder abnehmbares Klappverdeck ausgeführt sein.
Das auch die späteren Bauformen des ZIS-110B in der zeitgenössischen sowjetischen Literatur als Phaeton bezeichnet wurden, obwohl bei diesen Seitenfenster installiert waren, geht auf die Urform des anfangs fensterlosen Wagens mit Klappverdeck zurück. Man unterschied da nicht so fein.

Josef Stalin als Designer

Fahrzeugabnahme im Kreml

Stalin, Molotow, Malenkow, Mikojan u.v.a. nahmen am 28.04.1947 im Kreml die erste Version des ZIS-110 Cabriolets in Augenschein. Rechts neben Stalin erkennt man den Direktor der Moskauer Stalinwerke Iwan Alexejewitsch Lichatschow.
Die Fahrzeugantenne, sofern überhaupt vorhanden, scheint bei diesem Wagen noch am mittleren Steg der Windschutzscheibe angebracht worden zu sein. Wir werden diese Variation in einem späteren Beitrag sehen.

Diese zeitgenössische Illustration zeigt weder Schlitze in den Türen, in denen man Fenster versenken könnte, noch Fensterkurbeln.

Wenn man es aus dem Blickwinkel der freien Welt betrachtet, in der das Spiel der Marktkräfte einen echten Wettbewerb um das beste Design ermöglicht, dann wirkt es befremdlich, daß im Sowjetreich die konstruktiven Details eines Personenkraftwagen durch niemand Geringeren als einen Staatslenker und dessen Kabinett bewertet wurden. Produktiv war das sicher nicht.

Doch andererseits fehlte es dieser Prozedur durchaus nicht an einer inneren Logik. Schließlich waren solche Fahrzeuge für niemanden außerhalb der Führungsriege bestimmt. Sollte etwa ein Arbeiter entscheiden dürfen, wie Stalins Auto auszusehen hat?! Das wäre einem Himmelfahrtskommando gleichgekommen.

Die Kühlerfigur haben die sowjetischen Designer unbestreitbar selbst entworfen. Später wurde diese von dem mit sowjetischer Hilfe gegründeten chinesischen Autohersteller Hongqi kopiert, ja mehr noch, Hongqi bedeutet nichts anderes als “Rote Fahne”.
Doch wer fällte die abschließende Entscheidung über die Verwendung dieser Kühlerfigur auf dem künftigen Wagen des sowjetischen Staatslenkers?
Niemand anderes als Stalin selbst, am 04.Oktober 1944.

ZIS-110B Phaeton in einer Aufnahme aus der zweiten Hälfte der 40er Jahre. Es handelt sich um eine frühe Version des Wagens, da die hinteren Seitenscheiben nur anfänglich diagonal überklebt wurden, um das dahinterliegende Verdeckgestänge zu verblenden.

Weiterführende Links

Quellenverzeichnis

  • Abbildung 1,2 - © Guscha.de

  • Abbildung 3 - Archiv des Sicherheitsdienst der Russischen Föderation (Архив ФСО России)

  • Abbildung 4 - TECHNOPROMIMPORT

  • Abbildung 5 - unbekannte Quelle

 
 
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