Cabriolet-Sonderkarosserien Teil III

Welche Cabriolet-Bauformen oder Werksmodifikationen des ZIS-110B gab es?

  • Phaeton (keine Seitenfenster)

  • Phaeton mit Ausstellfenstern

  • Phaeton mit weiteren Fenster- bzw. Verdeckvariationen

  • zwei Seitenfenster

  • zwei Seitenfenster, Kotflügelverkleidungen, Tonneau‑Cover

  • zwei Seitenfenster, Trennscheibe (Tonneau)

  • vier Seitenfenster

  • vier Seitenfenster, Trennscheibe (Tonneau), hydraulisches Verdeck

  • sechs Seitenfenster

  • sechs Seitenfenster, Trennscheibe (Tonneau)

 

Dieser Beitrag befaßt sich mit frühen Moskauer Phaeton‑Entwicklungsstudien, die vor allem dadurch gekennzeichnet waren, dass es sich um Einzelstücke handelte, von denen nur wenig Dokumentationsmaterial überliefert ist. Bei deren kritischer Bewertung sollten wir im Hinterkopf behalten, dass die Moskauer Stalinwerke insbesondere ein Nutzfahrzeughersteller waren, dessen konstruktive Entscheidungen in der Regel von funktionalen Anforderungen geleitet wurden. Die Suche nach neuen Lösungen im sowjetischen Personenwagenbau musste sich jedoch nicht nur im harten Einsatz bewähren, sondern zugleich ideologisch geprägte Anforderungen des Kreml erfüllen.

Oben abgebildet ist ein Foto aus den 1940er Jahren, welches den ZIS-110B als lupenreinen Tourenwagen zeigt. Die Frontscheibe ist nicht durch Dreiecksfenster eingefaßt. Ohne Knopfleiste am Fahrzeugkörper existiert keine Befestigungsmöglichkeit für einen seitlichen Witterungsschutz.
Und noch eine weitere Besonderheit wird sichtbar. Bei den ersten Cabrio-Versionen befand sich die Antennenhalterung offenbar noch am mittleren Steg der Frontscheibe.

Die beiden Aufnahmen, die einen hellblauen Phaeton zeigen, entstanden 2019 im kasachischen Alma-Ata und sollen zur Veranschaulichung der seitlichen Druckknopfleisten dienen. Auch wenn man den grau-blauen Farbton leider nicht traf, fehlen dem ausgezeichnet restaurierten Wagen zur Perfektion nur noch die Radkappen. Der Suchscheinwerfer S6 von Unity Mfg. Co., Chicago kam in den 1950er Jahren in Moskau tatsächlich zum Einsatz, wie zeitgenössische Aufnahmen belegen. Wir haben Ihnen unten ein entsprechendes Foto mit Marschall Bulganin verlinkt. Sogar im Ersatzteilkatalog ist dieser Scheinwerfer aufgeführt, wenn auch “white-numbered” unter der neutralisierenden sowjetischen Nomenklatur als “Scheinwerfer-Sucher 110-3716010”.

Deutlich sind die seitlichen Druckknöpfe zu sehen. Beim doppellagigen Planenstoff wich man allerdings vom Original ab, das mit einem einfachen Verdeck nur wenig Schutz bot. Ich durfte mal ein Brautpaar begleiten, das bei Regen mit einem Wagen zum Standesamt chauffiert wurde, dessen Wetterschutz tatsächlich noch durch das vor sechs Jahrzehnten im Werk installierte Verdeck gebildet wurde. Das Wasser drang durch die dünnwandige Plane, so daß die Frisur der Braut in Gefahr geriet.

Auf der oben gezeigten Aufnahme kann man die mangelnde Verdeckqualität sowie ein etwas derangiertes Scherengestänge erahnen. Anderseits zeigt das Foto einen ZIS‑110B in einer Ausführung, die in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist. Die vorhandenen Seitenfenster sind einknöpfbar, bestehen bei diesem Wagen jedoch aus Glas, so wie bei anderen Fahrzeugen das letzte Seitenfenster. Daß es sich um eine sehr frühe Experimentalversion handelt, belegt der Befestigungspunkt der Radioantenne am mittleren Steg der Windschutzscheibe.
Zum Entstehungszeitpunkt des Fotos befand sich der Wagen schon längere Zeit im harten Einsatz, wie die traurig nach unten hängenden Türgriffe und die ramponierte Stoßstange verraten. Auffällig ist jedoch insbesondere, dass die kleinen hinteren Seitenfenster nicht zu erkennen sind. Möglicherweise handelt es sich bei dem Verdeck um eine der frühesten Tourenwagenplanen, deren fehlende Seienpartie nur notdürftig durch einen Überwurf geschlossen worden ist.

Den durch das Verdeck geschaffenen, sichtgeschützten hinteren Bereich in Cabriolets gab es jenseits des Atlantik schon lange, wie die Fotos des 1940er Packard Custom Super-8 One-Eighty Convertible Sedan und des 1938er Packard 1605 Super 8 Convertible Sedan veranschaulichen. Bei Packard war das geschlossene hintere Viertel (das „Blind Quarter“) ein ästhetisches Statement. Es sollte die Intimität eines geschlossenen Coupés mit der Freiheit eines Cabriolets verbinden.

Doch vielleicht sind die hinteren Fenster doch vorhanden und werden lediglich durch einen zusätzlichen Stoffverschluss verdeckt, genau wie bei dem hier gezeigten gelblich-beigen ZIS-110B. Ob diese Konfiguration werkseitig vorgesehen war, konnten wir bislang noch nicht verifizieren. Die zwar schöne, jedoch historisch nicht korrekt durchgeführte Restauration scheint dagegenzusprechen. Farbe, Sitzbezüge und Positionslichter entsprechen nicht dem Auslieferungszustand.

Abschließend eine Aufnahme, die im Werk entstand und dort im Archiv aufbewahrt worden ist. Beachten Sie bitte die seitlichen Dreiecksfenster, die fest mit der Karosserie verbunden zu sein scheinen. Viele Jahre später, beim Bau eines ZIS-110 mit hydraulischem Verdeck, kehrten die Moskauer Konstrukteure noch einmal zur Verwendung von Dreiecksfenstern zurück, gestalteten diese jedoch schwenkbar.
Die originale Bildunterschrift der oben gezeigten Aufnahme, die unter Autokennern vermutlich zu Kontroversen führen würde, lautete: “Allgemeines Erscheinungsbild des ZIS‑110 Phaeton (oben offen)”.
Begriffe wie Phaeton, Tourenwagen oder Cabriolet sind in Deutschland durch Normen definiert; in anderen Ländern existieren jedoch abweichende Klassifikationssysteme. Wie die Beispiele in diesem Beitrag zeigen, ließ man sich bei ZIS von solchen terminologischen Ordnungsstrukturen nicht beirren. Die Sowjets arbeiteten nach funktionalen, nicht nach normativen oder gar westlich geprägten Klassifikationslogiken.

Weiterführende Links

Quellennachweis

  • Abbildung 1, 8 - Werksfoto ZIS

  • Abbildung 2, 3 - © Guscha.de

  • Abbildung 4 - unbekannte Quelle

  • Abbildung 5 - Conceptcarz.com

  • Abbildung 6 - Auto-Union Mobilität/Worldwide Auctioneers

  • Abbildung 7 - Fotki.yandex.ru 2007

 
 
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