Handbuch Seite 014a

Zwei Versionen der ZIS-Dachantenne und Antennen weiterer Nachahmer im direkten Vergleich mit dem Philco-Design.

Über den im Handbuch nur angedeuteten Designunterschied zu Dachantennen, die vor 1948 im ZIS-110 und ZIS-115 installiert worden sind, liegt uns kein schriftlich überliefertes Material aus der UdSSR vor. Sofern das Design der ersten Dachantenne am sowjetischen ZIS überhaupt abwich vom Philco-Original, das erstmals beim Packard One-Eighty ab 1941 zum Einsatz gelangte, spricht alles dafür, das die Ähnlichkeiten überragend gewesen sein müssen.
Die nachfolgend abgebildete Illustration zeigt das in Philadelphia konstruierte und patentierte System, welches Packard in Detroit mit minimalen Modifikationen bis einschließlich 1950 (23. Serie) installierte.

Originaldokumentation der Packard Motor Car Corporation, ergänzt um die Abbildung einer Philco-Antenne

In den Stalinwerken wußte man:
doppelt hält besser!

Filigrane Konstruktion

Bei Dachantennen, die mithilfe eines einzigen Knaufs von innen sowohl schwenkbar als auch teleskopisch aus- und einfahrbar gestaltet waren sowie zusätzlich eine federnd gelagerte Aufstellmechanik besaßen, handelte es sich um einen komplexeren und offensichtlich auch fragilen Mechanismus.
Im Auslieferungszustand warnte der nebenstehend abgebildete Anhänger die neuen Besitzer vor dem Überdrehen des feinmechanischen Getriebes.

Die Erweiterung der sowjetischen Konstruktion um ein zweites Handrad war ein klug durchdachter Schritt und eine offenbar eigenständige Moskauer Designleistung. Doch wir bitten unsere Leser, diese Würdigung nicht überzuinterpretieren. Die Optimierung einer vorgegebenen Lösung erweist sich oft als einfacher, als die Pionierleistung des ersten Entwurfs.

Während der Pionier in die Erfindung investieren muß und alle Entwicklungs- und Marktrisiken trägt, lernt der Nachahmer aus fremden Fehlern und kann seine Ressourcen für die Perfektionierung einsetzen.

Die nachfolgend dargestellte Aufzählung der Einzelteile ist nicht abschließend, sondern enthält die wesentlichen Komponenten. Die vollständige Stückliste ist der Ersatzteildokumentation zu entnehmen.

Schnittdarstellung der Dachantenne mit zwei Handrädern im ZIS-110 ab 1948

Auf beiden Seiten des Atlantiks fanden sich Nachahmer des Philco-Designs. Hudson bot 1946 eine Nachrüstlösung an, bei der die Dachantenne von innen allerdings nur hochgeschwenkt, nicht jedoch ausgefahren werden konnte. Auch GAZ, der größte sowjetische Fahrzeughersteller, bot diese vereinfachte Version an und installierte sie im Wolga M-21. Bei den technisch identischen Systemen wurde auch jeweils ein Pfeilsymbol auf dem Bedienknauf als Statusindikator benutzt. Während das Nachrüstsystem im Hudson die Ähnlichkeiten zur Philcoantenne optisch bemäntelte, blieben die sowjetischen Systeme sowohl in der Form als auch in der Farbgebung dem Original sehr nahe. Überzeugen Sie sich bitte selbst.

Sowjetische Ingenieure waren offenkundig große Verehrer US-amerikanischen Designs.

Baujahr Unternehmen Produkt
1941 Philco 1‑Rad‑Bedienung, schwenkbar, ausfahrbar
1945 – 1947 ZIS 1‑Rad‑Bedienung, schwenkbar, ausfahrbar *
ab 1946 Hudson 1‑Rad‑Bedienung, schwenkbar
1948 – 1956 ZIS 2‑Rad‑Bedienung, schwenkbar, ausfahrbar
1956 – 1970 GAZ 1‑Rad‑Bedienung, schwenkbar
* Siehe Originalhandbuch Seite 14.

Die Nachahmer scheuten den konstruktiven Aufwand einer von innen ausfahrbaren Antenne. Zwischen Teleskopstab und Drehmechanismus existierte nur noch eine starre Verbindung (hier gelb dargestellt). Zu gering war der erzielbare Effekt.

Hier spricht Moskau!

Bei dem ab Werk voreingestellten Langwellensender wird es sich mutmaßlich um Radio Moskau gehandelt haben. Statt einer politisch gefärbten Erklärung liefern wir eine technische für die Festlegung auf einen “Einheitssender”.
Doch zuvor können Sie die Erkennungsmelodie des früheren Langwellensenders abspielen.

Radio Moskau.mp4

Die Melodie des in Rußland auch heute noch populären Lieds (“Lied vom Vaterland”) stammt übrigens aus einem Film aus dem Jahr 1936. Sie wurde auf einem Vibraphon (einer Art elektrischem Xylophon) gepielt).

Antennen bringt man üblicherweise auf einem Hausdach oder einem Antennenmast an. Zusätzlich sind sie lang oder komplex geformt, um einen guten Empfang zu begünstigen. Beides ist bei Autoantennen naturgemäß nicht gegeben. Doch niemals ist das Längenverhältnis von Radiowelle und Antenne unvorteilhafter als beim Empfang von Langwellensendern über kurze, einfach geformte Autoantennen.
Beim ZIS-110 tritt erschwerend hinzu, daß dessen Dachantenne mit einer Länge von 0,9 Metern kürzer ist als viele andere, deren Sockel sich an einem Kotflügel befinden. Daher muß der Verstärker auf Vollast arbeiten und verstärkt dabei unabsichtlich atmosphärische Störungen durch Gewitter oder beispielsweise auch schlecht entstörte Zündfunken. Moderne Kerzenstecker mit Entstörwiderstand waren in den 1950ern noch Zukunftsmusik. Die werkseitige Justierung auf einen der wenigen kraftvollen Langwellensender war daher eine sinnvolle Möglichkeit, einen stabilen Empfang trotz physikalisch ungünstiger Bedingungen zu gewährleisten.

 

Weiterführende Links

Quellennachweis

  • Abbildung 1 - Auszug aus dem Handbuch ZIS-110; Moskau 1948;
    deutsche und englische Übersetzung: © Guscha.de

  • Abbildung 2 - Service Letter Vol.14, No.20 (October 15, 1949), veröffentlicht auf PackardInfo.com

  • Abbildung 3 - Pappanhänger der Packard Motor Car Corp.

  • Abbildung 4 - Auszug aus dem Handbuch ZIS-110; Moskau 1948;
    deutsche und englische Übersetzung: © Guscha.de

  • Tabelle 1 - Auszug aus dem Ersatzteilkatalog ZIS-110; Moskau 1951;
    deutsche und englische Übersetzung: © Guscha.de

  • Abbildung 5 - © Guscha.de

  • Abbildung 6 - Radio Antenna Kit 213890; Hudson Motor Car Corp., Detroit, Mich., USA

  • Abbildung 7 - Konstruktion und technische Wartung M‑21 Wolga; Staatlicher wissenschaftlich‑technischer Verlag für Maschinenbauliteratur Moskau 1962

  • Abbildung 8 - Zeitschrift Radio; Journal- und Zeitungsvereinigung Moskau, April 1950

 
 
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