Handbuch Seite 014b
Wußten Sie eigentlich, daß die Stalinwerke eine eigene Tageszeitung herausgaben?
Wir werfen einen Blick hinein.
Insbesondere jedoch schauen wir uns in diesem zweiteiligen Abschnitt die beiden Uhren an.
In Rußland ticken die Uhren anders!
Die visuelle Treue zum Packard One-Eighty setzte sich in der detaillierten Beschreibung der Bedienelemente im ZIS-Handbuch fort. Doch plötzlich riss die parallele Chronologie der Erklärungen ab. Die Uhr im Deckel des Handschuhfachs, die in der Kurzanleitung von 1945 noch enthalten war, wurde drei Jahre später im deutlich umfangreicheren Handbuch mit keinem Wort mehr erwähnt.
Vom Deckel ist zwar die Rede, auch sein Öffnungsmechanismus wird beschrieben, das Schloß, die Schlüssel, das Licht im Inneren, …
Wie konnte ausgerechnet die komplexeste Komponente übersehen werden?
Die Uhr im Cockpit des ZIS-110. Wie in den nachfolgenden Abbildungen besser zu erkennen ist, sitzt unten - fixiert durch eine Schlitzschraube - ein Rändelrad zur manuellen Zeiteinstellung.
Quizfrage:
Hier haben wir ein Echtheitszertifikat für eine originale, elektrisch aufgezogene Uhr der US-Firma Borg Corporation.
Welcher oder welchen der nachfolgend gezeigten sechs Uhren würden Sie es verleihen?
Der Premiumanbieter Packard erfüllte selbst ausgefallene Kundenwünsche und hatte 1942, abgestimmt auf die Farbe der Inneneinrichtung, diverse Tönungen des Ziffernblatts im Sortiment. Blau, Grün, Grau, Gold, Braun, Burgund, …
Doch eine der hier abgebildeten Uhren zeigt die Moskauer Zeit. Welche könnte das sein? Von vorne ist sie kaum von denjenigen zu unterscheiden, die im Packard installiert wurden.
Form und Größe, das rechtwinklig abgesetzte Ziffernblatt, das Schriftbild, die weißen Zeiger, der kleinere davon gepfeilt - alles stimmt.
Doch bekanntlich ist nicht alles Gold, was glänzt. Die goldene Uhr (in den Werksunterlagen als “Bronze” bezeichnet) gehört in einen ZIS.
Hätten Sie’s gewußt?
Hier die goldene Version in einem Packard 160 Super 8 Touring Sedan Model No. 1462 von 1941.
Auf der Rückseite enden die Gemeinsamkeiten. Unübersehbar ragt die Aufzugskrone aus dem mechanischen Uhrwerk hervor. ZIS kompensierte den Lieferengpaß bei elektrischen Uhrwerken durch den Einsatz eines Handaufzugs.
Die Markierung auf der sowjetischen Uhr zeigt die eingeprägte Marke der 1. Moskauer Uhrenfabrik. Von dort kam auch das Werk für die Uhr im Fahrgastbereich.
(Zum Zweck der besseren Erkennbarkeit wurde die Beschriftung optisch hervorgehoben. In der Realität gibt es dort weder einen Kreis noch metallischen Glanz.)
Auf diesem Bild sieht man die Rückwand der elektrisch aufgezogenen Uhr im Packard. Der US-amerikanische Hersteller ist die Borg Corporation mit Sitz in Delavan, WI (Service Division Chicago, IL).
Die ursprünglich für den ZIS‑110 vorgesehene elektrische Uhr wurde nie geliefert. Die zuständige Behörde, das Volkskommissariat für Granatwerferbewaffnung, war in Kriegszeiten aus dem Volkskommissariat für Maschinenbau ausgegliedert worden; dort arbeiteten auch Spezialisten für Zeitzünder und elektrische Uhren. Doch die Kommandowirtschaft versagte.
Daß die Uhr im Handbuch nicht mehr erwähnt wird, legt nahe, dass man in den Stalinwerken die Abweichung vom staatlich abgenommenen Muster nicht schriftlich festhalten wollte.
Immerhin gelang es den Moskauer Konstrukteuren, die optische Vorgabe einzuhalten. In der Skizze des Armaturenbretts wurde die Uhr folgerichtig weiterhin dargestellt.
Mit einer Handaufzugsuhr konnte Moskau nicht mit dem Entwicklungsstand in Detroit mithalten. Handaufgezogene Uhren wurden bei Packard bereits 30 Jahre früher und schon damals mit Anzeige der Gangreserve eingesetzt (1915 Packard; Waltham, Modell “8 Days”).
In der Druckerei der Prawda, die übrigens ebenfalls nach Stalin benannt worden war, entstand die Werkszeitung der Stalinwerke (Auflage 1.200 Exemplare). Dort wurden die Probleme der heimischen Zulieferindustrie erstaunlich offenherzig benannt.
Haben Sie die Ausgabe aus September 1945 gerade nicht zur Hand? Dann sind Sie auf Guscha.de richtig.
6. September 1945
In den Personenwagen „ZIS‑110“ müssen elektrische Uhren eingebaut werden.
Genossen Granatwerfer‑Arbeiter!
Das vom Staat gebilligte Muster des Wagens besitzt elektrische Uhren. Antwortet kurz und klar:
Wann beginnt ihr mit der Herstellung der elektrischen Uhren für den ZIS‑110?
Das Fehlen elektrischer Uhren verzögert die Produktion komfortabler Automobile.
Sollte man nicht doch das Volkskommissariat beim Namen nennen, von dem die Rede ist? Und den Namen des verantwortlichen Genossen?
Produktionskritik war erlaubt, solange sie Zulieferer traf und nicht die Werksleitung. Der damals verantwortliche Genosse im Volkskommissariat war Pjotr Iwanowitsch Parschin - ein Kriegsheld, Generaloberst und Stalinpreisträger. Die Angelegenheit schadete ihm offenbar nicht: er wurde später Kandidat des Zentralkomitees der KPdSU und Minister für Maschinen‑ und Instrumentenbau der UdSSR (ausgerechnet Instrumentenbau).
Originale ZIS-Uhren mit Handaufzugswerk sind heute nur noch schwer zu beschaffen. Achten Sie darauf, bei Ersatzuhren mit Quarzwerken den verräterischen Sekundenzeiger zu entfernen.
Weiterführende Links
Reparaturanleitung einer elektromechanischen Borg-Fahrzeuguhr, veröffentlicht auf Oldcarsweekly.com (englisch)
Foto eines dunkelgrünen Packard-Armaturenbretts, veröffentlicht auf PackardInfo.com
Pjotr Iwanowitsch Parschin (Wikipedia, russisch)
Waltham Watch Company (Wikipedia, englisch)
Prawda.ru (russische Tageszeitung)
Quellennachweis
Abbildung 1 - Auszug aus dem Handbuch ZIS-110; Moskau 1948;
deutsche und englische Übersetzung: © Guscha.deAbbildung 2, 4, 5, 7, 8, 9, 10, 13 - © Guscha.de
Abbildung 3 - ebay.com
Abbildung 6 - Mecum.com
Abbildung 10, 12 - Werkausgabe der Prawda in den Stalinwerken
Die Redaktion von Guscha.de bedankt sich herzlich für die fachliche Beratung bei Dashiell Oatman-Stanford, Experte für sowjetische Uhren (Watches of the USSR).