Handbuch Seite 015a
Bedienelemente Teil III: Betätigung der Fensterheber, Position der Steckdosen und die Handlampe
Unter der Haube
Heute werfen wir erstmals einen Blick unter die Haube(n) und begeben uns auf die Suche nach den Steckdosen. Es gab zwei. Die vordere war im Motorraum an der Spritzwand in Fahrtrichtung links angebracht, dicht neben dem Reglergehäuse, einem Bauteil, welches übrigens in Form- und Farbgebung einem Boschgehäuse verdächtig ähnlich sieht. In vielen Märkten Europas, ausgenommen Frankreich, Italien und UK, hatten die elektrischen Fahrzeugkomponenten von Bosch in den 20er bis 50er Jahren eine dominante Position. Sollte man in Moskau etwa von der US-Vorlage abgewichen sein? Wir kommen in einem späteren Kapitel auf diese Frage zurück.
War trotz geringer Leistungsausbeute einfach unverzichtbar für nächtliche Reparaturen am Straßenrand - eine Handlampe.
Die hintere Steckdose befand sich unter der Kofferklappe. Im obigen Foto ist direkt darunter die Handlampe mit eineinhalb Meter langem Kabel erkennbar. Würde man nach heutigen Maßstäben urteilen, wäre diese Lampe mit 5W-Glühbirne eine Tranfunzel gewesen. Doch bei einer Panne auf nächtlicher Landstraße, in Zeitnot oder mit einem hochgestellten Fahrgast im Fond, markierte sie nicht weniger als den Unterschied zwischen Tag und Nacht.
Wir verstehen gar nicht so recht, warum heutige Hersteller die Fahrzeuge zwar mit mehreren Steckdosen, nicht jedoch mit einem entsprechenden Leuchtmittel ausrüsten.
Schauen wir uns den ganz patent wirkenden 6V-Bordnetzanschluß mal genauer an.
Steckdosen, Stecker und sogar der Lampenkörper bestanden aus schwarzem, durchgefärbtem Textolit, ein sowjetischer Oberbegriff für hartes, faserverstärktes Phenolharz‑Laminat, in unseren Breiten als Pertinax bekannt.
Folgende Materialeigenschaften charakterisieren seine ausgezeichnete Eignung:
elektrisch isolierend,
feuchtigkeitsresistent
temperaturbeständig und
schlagzäh.
Sie alle kennen das Material vermutlich in einer etwas anderen Textur und bräunlicher Farbe als Grundstoff für Leiterplatten und Gehäusematerial für diverse elektrische Geräte (Sicherungskästen, Radios etc.). Der sowjetische, schwarze Kunststoff war teurer in der Herstellung, aber auch besser in seiner technischen Wirkung. Der farbgebende Rußanteil verbesserte die Wärmebeständigkeit des “Niederspannungs‑Rundsteckverbinders” im Motorraum.
Der Bügelverschluss verhinderte unbeabsichtigtes Herausziehen, aber selbst wenn man den Drahtbügel nicht herunterklappte, hielt eine installierte Hemmung den Stecker in der Dose. Die beiden mittig gespaltenen Steckerkontakte aus vernickeltem Messing stellten nach dem Prinzip des Bananensteckers eine vibrationsfeste, kraftschlüssige Verbindung zur Dose her.
Im unteren Bereich der Zeichnung findet sich ein Satz aus der normierten Sprache der Ingenieure:
“Bestimmte Maße werden durch das Werkzeug garantiert, um die notwendige Trennkraft und Austauschbarkeit sicherzustellen.”
Die Bedeutung dieses klassischen Hinweises erschließt sich uns Außenstehenden erst nach einer zusätzlichen Erklärung. Die “47er Serie” mußte mit Handschuhen trennbar sein und durfte sich nicht versehentlich lösen. Die gesamte Gleichstrom-Steckerkupplung ist ein militärisches Normteil mit weiter Verbreitung in sowjetischen Fahrzeugen und Alltagsgegenständen, bei dem die Polarität keine Rolle spielte. Was in westlichen Augen klobig wirken mag, war wüsten- und arktistauglich.
Sesam öffne dich!
Ob die Form der Druckknopfschalter wirklich so besonders ist, daß diese vom Handbuch hervorgehoben werden muß, liegt im Auge des Betrachters.
Aber das ein sowjetisches Fahrzeug zum Kriegsende an allen vier Türen (und je nach Ausstattung auch bei der Trennscheibe) mit automatischen Fensterhebern ausgerüstet wurde, zu einer Zeit, in der dort noch Pferdewagen zum festen Stadtbild zählten, ist tatsächlich bemerkenswert. Bei dem in Deutschland weit verbreiteten Modell VW Golf hat es bis nach der Jahrtausendwende gedauert, ehe automatische Fensterheber an allen vier Türen zur Standardausstattung zählten (Golf VI, ab 2008).
Der Autor dieser Zeilen hatte mehrfach Gelegenheit, fehleranfällige Hydraulikkomponenten im ZIS-110 zu reparieren. Wir werden zu einem späteren Zeitpunkt das Gesamtsystem intensiv betrachten.
Fensterheber und Lichtschalter im Fahrgastraum (über die Kreuzschlitzschrauben schauen wir heute mal hinweg).
Weiterführende Links
Bananenstecker (Wikipedia, deutsch)
Pertinax (deutsch)
Quellennachweis
Abbildung 1 - Auszug aus dem Handbuch ZIS-110; Moskau 1948;
deutsche und englische Übersetzung: © Guscha.deAbbildung 2, 3, 4 - © Guscha.de
Abbildung 5 - sowjetische Normzeichnung
Abbildung 6, 7 - © Guscha.de