Handbuch Seite 013a - 013b
Kunststoffe waren in der Zeit des zweiten Weltkriegs der letzte Stand der Technik. Die vielfache Verwendung von monochromem Plastik an hervorgehobener Stelle vermittelte den Insassen eines Packard oder ZIS ein Luxusgefühl, das heute nur noch mit Mühe nachvollzogen werden kann.
Es hat mehrere Jahrzehnte gedauert, ehe solche Schlüssel auch an privaten Schlüsselanhängern baumelten.
Die folgende Abbildung zeigt den Zigarettenanzünder rechts neben dem Zündschloß. Mit Hilfe des darunter befindlichen Drehschalters aktiviert man die Heizung und den Warmluftstrom zur Frontscheibenenteisung. Vielleicht fragen Sie sich, werte Leser, warum die Schalterbeschriftung in einer sowjetischen Staatskarosse das englische Lehnwort “Defroster” (in kyrillischen Buchstaben) beibehielt. Sollten Moskau’s Ingenieure ausgerechnet beim Etikettenschwindel versagen?
Tatsächlich ist es oft so, daß beim Einführen neuer Technologien auch die dabei verwendeten Begriffe in den allgemeinen Wortschatz übergehen (z.B. röntgen, googeln, Jeans etc.).
Im Gegensatz zur geschwindigkeitsabhängig gefärbten Tachonadel ist der Leuchteffekt des Heizungsschalters nachts gut wahrnehmbar.
Klangregelung über einen Stift aus Metall? Viele ZIS-Besitzer würden widersprechen, da bei einem Großteil der Fahrzeuge nicht das handgefertigte Radio A-695, sondern dessen Nachfolger A-5 zum Einsatz gelangte. Optisch sind die Empfänger leicht an ihren äußeren Merkmalen zu erkennen.
Die fünf mechanischen Drucktaster zur Auswahl der Frequenzbereiche waren beim A-695 abgeflacht wie beim Packard-Radio. Auch der metallische Klangregler ist bei beiden Geräten vorhanden.
Übrigens hat der in den USA ansässige Radiohersteller Philco im Nachfolgemodell in jede der fünf Senderwahltasten ein kleines Drehrädchen eingfügt, mit dessen Hilfe man für jeden Sendebereich seinen Lieblingssender bereits voreinstellen konnte. Vergegenwärtigen Sie sich bitte die Wirkung dieser Tune-O-Matic auf die Packard-Kunden in den 1940ern! Aber das ist schon wieder eine neue Geschichte.
Die Skalen der sowjetischen Radios A-695 und A-5, hergestellt in den noch heute (2026) existierenden Murom Radiowerken, bestand aus einer einfachen, abstrakten Zahlenfolge von 1 bis 9, die dem Radiohörer grobe Orientierung bei der Sendersuche bieten sollte. Völlig ausreichend in einer Zeit, in der die Sender ohnehin nach Gehör abgestimmt wurden. Daran änderte sich für fünf Jahrzehnte kaum etwas. Dennoch zeigte das Packard-Radio bereits damals die FM-Frequenzen von 6 - 16 khz auf der Skala. Das war raffiniert, da die physikalische Einheit nicht abgebildet wurde und die reinen Ziffernwerte auch den Kurzwellenbereich abdeckten, dort jedoch in MHz.
| KW-Bänder im A-695 | Frequenzbereiche im A-695 |
| 49 m | 5.9 - 6.2 MHz |
| 31 m | 9.4 - 9.9 MHz |
| 19 m | 15.0 - 15.6 MHz |
Auf der Langwelle des A-695 gab es nur eine Frequenz. Diese wurde vom Werk auf der Rückseite des Radios eingestellt. Es wird sich mutmaßlich um Radio Moskau gehandelt haben. Auf Wunsch können Sie die Erkennungsmelodie des reichweitenstarken Langwellensenders abspielen.
Statt einer politisch gefärbten Erklärung liefere ich eine technische für die Festlegung auf einen “Einheitssender”. Antennen bringt man üblicherweise auf einem Hausdach oder einem Antennenmast an. Zusätzlich sind sie lang oder komplex geformt, um einen guten Empfang zu begünstigen. Beides ist bei Autoantennen naturgemäß nicht gegeben. Doch niemals ist das Längenverhältnis von Radiowelle und Antenne unvorteilhafter als beim Empfang von Langwellensendern über kurze, einfach geformte Autoantennen. Beim ZIS-110 tritt erschwerend hinzu, daß die Dachantenne kürzer ist als solche, deren Sockel sich an einem Kotflügel befinden. Daher muß der Verstärker auf Vollast arbeiten und verstärkt dabei unabsichtlich atmosphärische Störungen durch Gewitter oder beispielsweise auch schlecht entstörte Zündfunken. Die werkseitige Justierung auf einen der wenigen Langwellensender war daher eine sinnvolle Möglichkeit, einen stabilen Empfang trotz physikalisch ungünstiger Bedingungen zu gewährleisten.
Beim direkten Vergleich der beiden sowjetischen Radios fällt sofort ins Auge, das die fünf Sendebereichstasten beim Nachfolger A-5 rund gestaltet sind. Während das Bedienschema beim ursprünglich eingesetzten A-695 dem des Packard (Philco)-Empfänger entsprach (Netzschalter, Lautstärke und Klang links, Senderwahl rechts), erfolgte bei der sowjetischen Weiterentwicklung A-5 die Lautstärkeeinstellung über ein kleines Extrarad, das über dem Senderwahlrad, also auf der rechten Seite angeordnet war.
Die Klangeinstellung erfolgte weiterhin links, jedoch beim A-5 über einen zweiten, größeren Drehschalter aus Kunststoff unterhalb des Netzschalters (siehe obige Abbildung).
Die unten gezeigte Kunststoffnachbildung des ursprünglich metallischen Klangreglers wird auf dem heutigen Teilemarkt angeboten, war jedoch historisch bei keinem Gerät anzutreffen.
Die Abkehr vom handgefertigten A‑695 zugunsten des Nachfolgemodells A‑5 wurde notwendig, nachdem das 500 Kilometer entfernte Automobilwerk Gorki (GAZ) beschlossen hatte, den 1948 entwickelten ZIM GAZ‑12 ab 1950 in Serie zu fertigen. Zwei Radios derselben Leistungsklasse parallel zu produzieren widersprach der staatlichen Logik, weshalb sich ZIS vom handgefertigten Modell trennen musste. Da der GAZ mit 12‑Volt‑Bordnetz ausgelegt war, nutzte man während der Erprobung ein entsprechend umgerüstetes, ansonsten jedoch baugleiches Gerät mit der Typenbezeichnung A‑4. Mit dem Start der Serienproduktion in Gorki wurde schließlich auch beim Moskauer Radiohersteller Murom auf Fließbandfertigung umgestellt.
ZIM GAZ-12, ein sechszylindriger Wagen für die mittleren und gehobenen sowjetischen Kader (Generäle, Direktoren, Minister etc.) bei seiner Präsentation auf der Messe des Verbands der Fahrrad- und Automobilindustrie (RAI) in Amsterdam am 07.03.1954.
Zu den Besonderheiten der Konstruktion zählen die hydromechanische Kupplung und die elektrisch beheizbare Rücksitzbank.
Die Produktionsumstellung erforderte technische Veränderungen. So wurde der Empfangsbereich der dritten Kurzwelle vom 19-Meter-Band auf das 25-Meter-Band verschoben. Auf Langwelle stand statt einer einzelnen Frequenz nun ein großer Empfangsbereich zur Verfügung.
Um den Radioempfang des für den GAZ abgestimmten Geräts mit wenigen Handgriffen für die kürzere Antenne des ZIS-110 zu optimieren, wurde außen an der Gehäusewandung ein Kondensator angebracht.
| KW-Bänder im A-5 | Frequenzbereiche im A-5 |
| 49 m | 5.9 - 6.2 MHz |
| 31 m | 9.4 - 9.9 MHz |
| 25 m | 11.6 - 12,1 MHz |
Der Empfänger A-5 im zentralen Bereich des Armaturenbretts des ZIM GAZ-12 ist auf der folgenden Aufnahme gut erkennbar.
Die Fotografie ist charakteristisch für ihre Entstehungszeit in den 50er Jahren und versucht, die vielfach ausgezeichnete Aktivistin Pascha Angelina wirkungsvoll in Szene zu setzen. Sowjetische Frauen sollten, ihrem Beispiel folgend, Traktoristinnen werden. Zu diesem Zweck lichtete der Fotograf die Stalinpreisträgerin möglichst vorteilhaft in einem neuen ZIM ab, frisch frisiert, mit Brilliantohrsteckern und einem Geldbündel in der Hand - sozialistischer Realismus. Wir werden diesem leuchtenden Vorbild in einem späteren Beitrag erneut begegnen.
Beim Recherchieren in technisch seriöser russischsprachiger Fachliteratur begegnet man auch heute, fast 80 Jahre nach Konstruktion des ZIS-110, noch immer der Legende, daß es sich bei dessen Radio um eine Weiterentwicklung des Radios AI-656 aus dem Vorgänger ZIS-101 handeln würde. Lassen Sie uns daher, werte Leser, zum Abschluß des Radiokapitels einen kurzen Blick auf dieses Gerät werfen. Das Radio im ZIS-101 war seinem angeblichen Nachfolger nicht einmal entfernt ähnlich. Die Komponenten Lautsprecher, Empfänger und Bedieneinheit waren auf mehrere Einbauorte im Wagen verteilt und nicht, wie beim A-695, in Blockbauweise zusammengefaßt. Selbst diese Einzelkomponenten sind nur schwer mit den Baugruppen des Radios im ZIS-110 zu vergleichen. So ist beim ZIS-101 das Hochspannungsnetzteil im separaten Lautsprechergehäuse untergebracht. Beide Geräte unterscheiden sich auch bei der Röhrenbestückung, der Spulengröße, dem Tuning (im A-656 durch Ferritkern, statt durch Drehkondensator) und auch beim Bedienkonzept.
Tatsächlich basierte das Radio im ZIS-110 auf der Entwicklungsarbeit, die durch US-Ingenieure bei Philco in Philadelphia geleistet worden war. Das Design und der Großteil der technischen Lösungen finden sich ursprünglich in dem Empfänger 362575, der beim 1942 Packard OneEighty zum Einsatz gelangte.
Der erfolgreiche Nachbau des mobilen und erschütterungsresistenten Mehrfrequenzempfängers A-695 und dessen Nachfolger A-4/A-5 stellte einen wichtigen Entwicklungsschritt in der Geschichte der sowjetischen Radiotechnik dar. Selbst das eher unterhaltsame als funktionale Element der klangabhängigen Skalenbeleuchtung wurde abgekupfert, wenn auch mit einer anderen Farbkombination. Eine star auf der Drehachse des Klangreglers montierte, halbtransparente und durchgefärbte Kunststoffscheibe wurde von hinten durchleuchtet und übertrug dadurch ihre Farbe in den Strahlengang des lichtleitenden Displays.
| Klangfarbe | induzierte Farbeffekte im A-695 / A-5 |
| Höhen | |
| Tiefen | |
| Musik |
Das honiggelb beleuchtete Display des abgebildeten A-5 signalisiert auch optisch die Klangfarbe der Musik.
Weiterführende Links
Informationen zum AI-656 im Archiv von Radio.ru (russisch)
Murom Radiowerke (russisch)
Quellennachweis
Abbildung 1, 3, 4, 6, 7, 8, 11, 14 - © Guscha.de
Abbildung 2, 5 - Auszug aus dem Handbuch ZIS-110; Moskau 1948;
deutsche und englische Übersetzung: © Guscha.deAbbildung 9 - Nationalarchiv Amsterdam
Abbildung 10 - Zentrales Film‑, Foto‑ und Tonarchiv H. S. Pschenytschnyj
Abbildung 12 - ebay
Abbildung 13 - KI
Tabelle 1 - Funkwelle.com
Tabelle 2 - Radiomuseum.org
Tabelle 3 - © Guscha.de