Handbuch Seite 013b A-4

Im Jahr 1950 wurde im ZIS-110 der Radioempfänger A-695 durch ein nur geringfügig verändertes Übergangsmodell A-4 abgelöst, welches ebenfalls in Handarbeit entstand. Im heutigen Beitrag schauen wir uns diese Entwicklung näher an.

Der Planwirtschaft genügt ein Modell

Die Abkehr vom handgefertigten A‑695 zugunsten eines Nachfolgemodells wurde notwendig, nachdem man im 500 Kilometer entfernten Automobilwerk Gorki (GAZ) beschlossen hatte, den 1948 entwickelten ZIM GAZ‑12 ab 1950 in Serie zu fertigen. Dieser sechszylindriger Wagen war für die Benutzung durch mittlere und gehobene sowjetische Kader (Generäle, Direktoren, Minister etc.) konzipiert. Zu den Besonderheiten seiner Konstruktion zählen eine hydromechanische Kupplung und die elektrisch beheizbare Rücksitzbank.

ZIM GAZ-12 bei einer Präsentation auf der Messe des Verbands der Fahrrad- und Automobilindustrie (RAI) in Amsterdam am 07.03.1954

Zwei Empfänger derselben Leistungsklasse parallel zu produzieren, widersprach den Prinzipien der zentral gesteuerten Kommandowirtschaft.
Doch das im Zis installierte Radio A-695 entstand genau wie der Wagen selbst weitgehend in Handarbeit. Seine vergleichsweise bescheidenen Stückzahl hätte der für den ZIM vorgesehenen Fließbandproduktion kaum gerecht werden können.
Das auf einer US-amerikanischen Vorkriegsentwicklung basierende Radio war erkennbar in die Jahre gekommen, so daß sich seine Herstellung nicht ohne weiteres automatisieren ließ.
Ein neues Modell mußte her.

kontrastschwache Abbildung eines ZIS-110 Radios grau in grau

Der Röhrenempfänger im ZIS war im Jahr 1950 erkennbar veraltet.

Während der ZIS-110 über ein 6-Volt-Bordnetz verfügte, arbeitete der ZIM bereits mit 12 Volt. Der zu konstruierende Einheitsempfänger musste daher sowohl mit den unterschiedlichen Bordspannungen beider Fahrzeuge zurechtkommen als auch für die geplante Fertigung in größeren Stückzahlen geeignet sein.

 

Radio A-4 im ZIS-110

Da das neue Gerät 1950 noch nicht zur Verfügung stand, erweiterte man zur Überbrückung das A-695 um die Möglichkeit, sowohl mit 6 Volt als auch mit 12 Volt betrieben werden zu können. Das ansonsten im Wesentlichen unveränderte Radio erhielt die Typenbezeichnung A‑4.

Das A-4 fand ab 1950 sowohl im ZIS-110 als auch anfänglich im ZIM GAZ-12 Verwendung.

Wir haben die Angaben auf den Typenschilder mehrerer A-4 analysiert und glauben, daraus eine Produktionsleistung von etwa 55 Geräten pro Monat ableiten zu können.

Datum Geräte-Nr.
10 / 1950
0225
09 / 1951
B- 0818
10 / 1951
0845
12 / 1951
0999

Nach dem Start der Serienproduktion des Einheitsradios beim Moskauer Radiohersteller Murom wurde der neue Empfänger schließlich auch im ZIS-110 installiert. Er erhielt die Modellbezeichnung A-5. Uns werden auf unserer Zeitreise weitere Beispiele der überbetrieblichen Rationalisierung zwischen den Automobilfabriken in Moskau und Gorki begegnen.
Um den Signalempfang des für den GAZ abgestimmten Geräts mit wenigen Handgriffen für die kürzere Antenne des ZIS-110 zu optimieren, wurde ein von außen zugänglicher Drehkondensator verwendet. Eine eigens dafür vorgesehene Öffnung in der Gehäuserückwand ließ ihn hinten ein Stück herausragen, so daß sich das Radio durch einfaches Verdrehen des Kondensators auf die kürzere ZIS-Antenne abstimmen ließ.

A-695

 

Hier spricht Moskau!

Auf der Langwelle des A-695 / A-4 gab es nur eine Frequenz. Diese wurde vom Werk auf der Rückseite des Radios eingestellt. Es wird sich mutmaßlich um Radio Moskau gehandelt haben.
Auf Wunsch können Sie die Erkennungsmelodie des früheren Langwellensenders abspielen.

Radio Moskau.mp4
Propagandaplakat in s/w das eine glückliche Familie mit Kopfhörern zeigt.

Die Melodie des in Rußland auch heute noch populären Lieds (“Lied vom Vaterland”) stammt übrigens aus einem Film aus dem Jahr 1936. Sie wurde auf einem Vibraphon (einer Art elektrischem Xylophon) gepielt).

Statt einer politisch gefärbten Erklärung liefern wir eine technische für die Festlegung auf einen “Einheitssender”. Antennen bringt man üblicherweise auf einem Hausdach oder einem Antennenmast an. Zusätzlich sind sie lang oder komplex geformt, um einen guten Empfang zu begünstigen. Beides ist bei Autoantennen naturgemäß nicht gegeben. Doch niemals ist das Längenverhältnis von Radiowelle und Antenne unvorteilhafter als beim Empfang von Langwellensendern über kurze, einfach geformte Autoantennen.
Beim ZIS-110 tritt erschwerend hinzu, daß dessen Dachantenne mit einer Länge von 0,9 Metern kürzer ist als viele andere, deren Sockel sich an einem Kotflügel befinden. Daher muß der Verstärker auf Vollast arbeiten und verstärkt dabei unabsichtlich atmosphärische Störungen durch Gewitter oder beispielsweise auch schlecht entstörte Zündfunken. Die werkseitige Justierung auf einen der wenigen Langwellensender war daher eine sinnvolle Möglichkeit, einen stabilen Empfang trotz physikalisch ungünstiger Bedingungen zu gewährleisten.

 

Der erfolgreiche Nachbau des mobilen und erschütterungsresistenten Mehrfrequenzempfängers A-695 und dessen ebenfalls in Handarbeit gefertigten Nachfolger A-4 stellte einen wichtigen Entwicklungsschritt in der Geschichte der sowjetischen Radiotechnik dar, über den die Zeitschrift Radio bereits im Mai 1947 mit erkennbarem Stolz berichtet hatte:

Foto 3 zeigt den Moment der Montage eines Radioempfängers im Stalin-Werk in einer dieser glänzenden ZIS-110-Limousinen, die immer häufiger auf den Straßen unserer Städte zu sehen sind.

Weiterführende Links

Quellennachweis

  • Abbildung 1 - © Guscha.de

  • Abbildung 2 - Nationalarchiv Amsterdam

  • Abbildung 3 - Das äußere Design des Empfängers, Staatlicher Energieverlag Moskau und Leningrad 1958

  • Abbildung 4, 5 - rw6ase.narod.ru (russisch)

  • Abbildung 6 - Zeitschrift Radio; Journal- und Zeitungsvereinigung Moskau, April 1950

  • Abbildung 7 - Zeitschrift Radio; Journal- und Zeitungsvereinigung Moskau, Mai 1947

  • Tabelle 1 - © Guscha.de

  • Tabelle 1 - Funkwelle.com (deutsch)

  • Tabelle 2 - Radiomuseum.org (deutsch)

 
 
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