Handbuch Seite 013b A-5

Im ZIS-110 wurde der Radioempfänger A-695 nach einigen Jahren durch den in Serie gefertigten A-5 abgelöst, den wir Ihnen im heutigen Beitrag vorstellen.

Der Planwirtschaft genügt ein Modell

Um die Notwendigkeit der Entwicklung eines neuen Rundfunkempfängers für den ZIS-110 verstehen zu können, führt der Handlungsstrang unserer heutigen Geschichte vorerst ins 500 Kilometer entfernte Automobilwerk Gorki (GAZ). Dort konzipierte man einen sechszylindrigen Wagen für die Benutzung durch mittlere und gehobene sowjetische Kader (Generäle, Direktoren, Minister etc.). Zu den Besonderheiten der Konstruktion des ZIM GAZ-12 zählen eine hydromechanische Kupplung und die elektrisch beheizbare Rücksitzbank.

ZIM GAZ-12 bei einer Präsentation auf der Messe des Verbands der Fahrrad- und Automobilindustrie (RAI) in Amsterdam am 07.03.1954

Bereits vor Produktionsbeginn des ZIM zeichnete sich im sowjetischen Fahrzeugbau ein Übergang zur Verwendung von 12 Volt ab. Im 1946 vorgestellten Pkw Pobeda war dieser Schritt bereits realisiert worden, wenn auch anfangs ohne Radio. Es war nur konsequent, auch den ZIM mit einem 12-Volt-Bordnetz auszustatten.
In den Muromer Radiowerken entwickelte man seit Ende der 40er Jahre erste 12-Volt-Radios. Die Entwicklung mündete im handgefertigten Vorserienmodell A-4. Mit diesen Geräten wurde der ZIM GAZ-12 während seiner Pilotphase ab 1948 ausgestattet. Für die geplante Fertigung in größeren Stückzahlen war die handwerkliche Herstellung jedoch nicht geeignet.

Der handgefertigte A-4 gehörte zur Erstausrüstung des ZIM GAZ-12.

Wir haben die Angaben auf den Typenschildern mehrerer A-4-Geräte analysiert und glauben, daraus eine Produktionsleistung von etwa 55 Geräten pro Monat ableiten zu können.

Herstellungsdatum Geräte-Nr.
10 / 1950
0 2 2 5
09 / 1951
B- 0 8 1 8
10 / 1951
0 8 4 5
12 / 1951
0 9 9 9

Auch das A-695 entstand, genau wie der ZIS-110 selbst, weitgehend in Handarbeit und basierte auf einer US-amerikanischen Vorkriegsentwicklung. Im Jahr 1950 war es erkennbar in die Jahre gekommen, so daß sich seine Herstellung nicht ohne weiteres automatisieren ließ. Die vergleichsweise geringe Fertigungsmenge des ZIS-Radios hätte für die geplante Fließbandfertigung des ZIM kaum ausgereicht.

Der Röhrenempfänger im ZIS war im Jahr 1950 erkennbar veraltet.

Zwei Empfänger derselben Leistungsklasse parallel zu produzieren, widersprach den Sparzwängen der zentral gesteuerten Kommandowirtschaft. Ein neues, in Serie gefertigtes Einheitsmodell mußte her, das mit den unterschiedlichen Bordspannungen beider Fahrzeuge zurechtkam.

 

Der A-5 im ZIS-110

Die Produktionsumstellung brachte eine Vielzahl technischer Veränderungen mit sich. So wurde der Empfangsbereich der dritten Kurzwelle vom 19-Meter-Band auf das 25-Meter-Band verschoben. Auf Langwelle stand statt einer einzelnen Frequenz nun die volle Bandbreite zur Verfügung.

KW-Bänder im A-5 Frequenzbereiche im A-5
25 m 11,6 - 12,1 MHz
31 m 9,4 - 9,9 MHz
49 m 5,9 - 6,2 MHz

Anhand unscheinbarer äußerer Merkmale ließ sich der in Serie gefertigte Empfänger A-5 vom Vorgänger A-695 unterscheiden. So waren die fünf Sendebereichstasten rund gestaltet.

Radio A-5 mit runden Sendebereichstasten und Lautsprecherblende.

Beim ursprünglich eingesetzten A-695 entsprach die Anordnung der Bedienelemente der des Packard-(Philco-)Empfängers: Netzschalter, Lautstärke- und Klangregelung lagen links, die Senderwahl rechts. Beim A-5 erfolgte die Lautstärkeeinstellung dagegen über ein kleines zusätzliches Rad oberhalb des Senderwahlrads auf der rechten Seite.
Die Klangeinstellung wurde beim A-5 über einen zweiten, größeren Drehschalter aus Kunststoff unterhalb des Netzschalters realisiert.

Abbildung aus den Konstruktionsunterlagen.

Wenn die Weichmacher der früher verwendeten Kunststoffe unter Sonneneinstrahlung entwichen, verfärbten und verformten sich die Bedienelemente und wurden unansehnlich und brüchig. Mittlerweile sind diese gerändelten Rädchen aus gelblichem Plastik im russischen Ersatzteilmarkt verfügbar.

Um den Signalempfang des für den GAZ abgestimmten A-5 mit wenigen Handgriffen für die kürzere Antenne des ZIS-110 optimieren zu können, wurde ein von außen zugänglicher Kondensator verwendet. Eine eigens dafür vorgesehene Öffnung in der Gehäuserückwand ließ ein Handrad hinten ein Stück herausragen, durch das sich das Radio auf die kürzere ZIS-Antenne abstimmen ließ.
Mit demselben Verfahren hatte man beim Vorgänger die einzige verfügbare Langwellenfrequenz abgestimmt.

 

Packard 180 → ZIS-110 → ZIM GAZ-12

Die Autoradios der Nachkriegszeit sind kaum mit den Empfängern aus heutiger Produktion vergleichbar. So nannte das in der UdSSR herausgegebene Fachmagazin “Radio” in dessen Ausgabe von Juli 1954 ein Gerätegewicht von 9,5 Kilo.
Gerne senden wir Ihnen bei Interesse den ausführlichen, jedoch russischsprachigen Bericht per eMail zu.

Für die Versorgung der Röhren werden mehr als 200 Volt benötigt. Dafür installierten die sowjetischen Radiotechniker einen sogenannten Zerhacker (Vibrator). Mit Hilfe dieses elektromechanischen Bauteils wird der Gleichstrom aus der Batterie mehr als 100-mal pro Sekunde unterbrochen und wieder aufgebaut. Die dadurch erzeugte Wechselspannung wird im nachgeschalteten Trafo auf mehr als 200 Volt hochgespannt. Ein Gleichrichter wandelt sie anschließend wieder zurück in Gleichspannung.

Ab Anfang der 1950er Jahre bauten die Radiowerke Murom den Empfänger in zwei Ausführungen: für eine Bordspannung von 6 Volt im ZIS-110 und für 12 Volt im ZIM GAZ-12. Uns werden auf unserer Zeitreise weitere Beispiele der überbetrieblichen Zusammenarbeit zwischen den Automobilfabriken in Moskau und Gorki begegnen.
Man muß kein Elektroingenieur sein, um auf dem obigen Foto die Unterschiede zwischen den Gerätetypen zu erkennen.
Es brauchte jedoch einen Zauber, um den überlangen Zylinder des 12V-Zerhackers für den ZIM im Gehäuse des ZIS-Radios unterbringen zu können. Sehen Sie selbst.

Man schnitt ein Loch in die Rückwand und führte das überstehende Gehäuse des röhrenförmigen Schwingungswandlers hindurch. Die Kappe aus Blech, die das Bauteil vor Stößen schützen sollte, erwies sich als Glücksgriff. Aufgrund der starken mechanischen Belastung war der Zerhacker fehleranfällig. Die sowjetischen Ingenieure entwickelten daraufhin eine Version, deren Pins man in die Radioplatine einstecken konnte. Mußte das Bauteil gewechselt werden, konnte dies durch die zusätzliche Gehäuseöffnung erfolgen.

Typenschild des Radios A-5 im ZIM GAZ-12 mit der Angabe “12 Volt”

Die unten abgebildete Fotografie des ZIM mit Einheitsradio war charakteristisch für ihre Entstehungszeit in den 50er Jahren. Die Propaganda versuchte, die vielfach ausgezeichnete Aktivistin Pascha Angelina wirkungsvoll in Szene zu setzen.

Sozialistische Kooperation im Radiobau - das Moskauer ZIS-Radio im ZIM GAZ-12 aus Gorki

Sowjetische Frauen sollten, ihrem Beispiel folgend, Traktoristinnen werden. Zu diesem Zweck lichtete der Fotograf die Stalinpreisträgerin möglichst vorteilhaft in dem neuen Wagen ab, frisch frisiert, mit Brillant-Ohrsteckern und einem Geldbündel in der Hand - sozialistischer Realismus. Wir werden diesem leuchtenden Vorbild in einem späteren Beitrag erneut begegnen.

 

Die Sowjets kopierten sogar Licht

Selbst das eher unterhaltsame als funktionale Element der mit der Klangreglereinstellung wechselnden Skalenbeleuchtung wurde abgekupfert. Eine starr auf der Drehachse des Klangreglers montierte, halbtransparente, dreifarbige Kunststoffscheibe wurde von hinten durchleuchtet. Während man sich in Philadelphia für die Farbkombination Blau/Rot/Gelb entschieden hatte, bevorzugte Moskau Grün/Rot/Creme - ein Paradebeispiel für die gestalterischen Freiheiten der Nachahmung durch die sowjetischen Ingenieure.

Beim Drehen des Klangreglers wurde das Farbenrad mitbewegt. Eine der drei Flächen schwenkte vor die Glühbirne und lenkte die jeweilige Lichtfarbe in den Strahlengang des lichtleitenden Displays. Daraufhin signalisierte das Display die gewählte Klangfarbe auch optisch, ein anschauliches Beispiel für die Verbindung von Bedienkomfort und technischer Inszenierung.

Acht Jahrzehnte bewirken Alterungseffekte, insbesondere nachlassende Lichtleitfähigkeit und zunehmende Vergilbung des Plexiglasdisplays. Farbverblassung und Gelbverschiebung sind die Folge.

Das honiggelb beleuchtete Display des abgebildeten A-5 signalisiert die warme Klangfarbe „Musik“ und verleiht der nüchternen Skalenanzeige einen charakteristischen Akzent.

Weiterführende Links

Quellennachweis *(rote Ziffern kennzeichnen Collagen aus Foto- und KI-Elementen)

  • Abbildung 1, 5, 7, 9, 11, 13, 14, 15, 16 - © Guscha.de

  • Abbildung 2 - Nationalarchiv Amsterdam

  • Abbildung 3 - Das äußere Design des Empfängers, Staatlicher Energieverlag Moskau und Leningrad 1958

  • Abbildung 4 - Volga-21.ru

  • Abbildung 6 - Handbuch “Autoradio A-5”

  • Abbildung 8 - Zeitschrift Radio; Journal- und Zeitungsvereinigung Moskau, Nr. 7 1954

  • Abbildung 10 - Drive2.ru (russisch)

  • Abbildung 12 - Zentrales Film‑, Foto‑ und Tonarchiv H. S. Pschenytschnyj

  • Tabelle 1 - Funkwelle.com (deutsch)

 
 
Zurück
Zurück

Handbuch Seite 014a

Weiter
Weiter

Handbuch Seite 013b A-695