Handbuch Seite 013b A-695

Beim Recherchieren in technisch seriöser, russischsprachiger Fachliteratur begegnet man auch im Jahr 2026, acht Jahrzehnte nach Konstruktion des ZIS-110, noch immer der Legende, daß es sich bei dessen Radio um eine Weiterentwicklung des Radios AI-656 aus dem Vorgänger ZIS-101 handeln würde. Lassen Sie uns daher, werte Leser, mit einem kurzen Blick auf dieses Gerät unsere dreiteilige Radio- & Antennenserie beginnen.

 

Radio AI-656 im ZIS-101

Doppelseite einer Radiozeitschrift mit technischen Abbildungen

Ausschnitt aus einem zeitgenössischen, russischsprachigen Bericht mit umfassenden technischen Informationen über das Radio AI-656. Zögern Sie bei Interesse bitte nicht, die hier als Vorschau gezeigte achtseitige Spezifikation anzufordern.

Das Radio im ZIS-101 war seinem angeblichen Nachfolger nicht einmal entfernt ähnlich. Die Komponenten Lautsprecher, Empfänger und Bedieneinheit waren auf mehrere Einbauorte im Wagen verteilt und nicht, wie beim A-695 im ZIS-110, in Blockbauweise zusammengefaßt.

Selbst diese Einzelkomponenten sind nur schwer mit den Baugruppen des Radios im ZIS-110 zu vergleichen. So ist beim ZIS-101 das Hochspannungsnetzteil im separaten Lautsprechergehäuse untergebracht. Beide Geräte unterscheiden sich auch bei der Röhrenbestückung, der Spulengröße, dem Tuning (im A-656 durch Ferritkern statt durch Drehkondensator) und auch beim Bedienkonzept. Und schließlich stammen beide Empfänger aus unterschiedlichen Betrieben; im ZIS-101 war ein Radio aus Moskau installiert, während der ZIS-110 mit einem aus dem 300 Kilometer entfernten Murom ausgestattet wurde.

 

Transatlantische Verwandtschaft

Tatsächlich basierte das Radio im ZIS-110 vorrangig auf den Entwicklungsarbeiten, die durch US-Ingenieure in Philadelphia geleistet worden waren. Das Design und eine Vielzahl der technischen Lösungen finden sich im Empfänger PA 362575 sowie weiteren Entwürfen der Philco-Gerätefamilie, die insbesondere in den Modelljahren 1941/1942 bei Packard zum Einsatz gelangten.

PA 362575 im 1941/42 Packard One-Eighty / 110 / 120 / Super 8 entspricht dem Philco-Radio P-1835

 

Radio A-695 im ZIS-110

Das Handbuch erwähnt die Klangregelung über einen Zapfen aus Metall. Aus Metall? Viele ZIS-Besitzer würden widersprechen, da bei einem Großteil der Fahrzeuge nicht das handgefertigte Radio A-695, sondern dessen Nachfolger A-5 zum Einsatz gelangte.

 

Der anfangs installierte Röhrenempfänger A-695 war elektrisch alles andere als bescheiden. Bei 6,3 Volt Bordspannung zog er etwa 8,5 Ampere – rund 54 Watt, wie die in der Sowjetunion erschienene Zeitschrift “Radio” in ihrer Ausgabe von Februar 1947 berichtete. Eine automatische Verstärkungsregelung sorgte dafür, daß die Lautstärke bei unterschiedlich starken Sendern weitgehend konstant blieb. Gerne senden wir Ihnen bei Interesse die hier nur als kleine Vorschau gezeigte, jedoch sehr ausführliche Radiospezifikation kostenlos zu.

Stellen Sie sich einfach eine bis vor kurzem noch haushaltsübliche 60-Watt-Glühlampe vor. Genau wie bei dieser wurde auch beim Radioempfänger nur ein kleiner Teil der aufgenommenen elektrischen Leistung für den eigentlichen Zweck genutzt. Beim A-695 kamen 4 Watt als Tonleistung am Lautsprecher an; der überwiegende Teil der Energie wurde in Wärme verwandelt.

Optisch sind die Empfänger leicht an ihren äußeren Merkmalen zu erkennen. Die fünf mechanischen Drucktaster zur Auswahl der Frequenzbereiche sind beim A-695 abgeflacht wie beim Packard-Radio. Auch der metallische Klangregler ist bei beiden Geräten vorhanden.

 

Reflexionen über ein Röhrenradio

Die Skala des sowjetischen Radios A-695, hergestellt in den noch heute (2026) existierenden Murom Radiowerken, bestand aus einer einfachen, abstrakten Zahlenfolge von 1 bis 9, die dem Radiohörer grobe Orientierung bei der Sendersuche bieten sollte. Völlig ausreichend in einer Zeit, in der die Sender ohnehin nach Gehör abgestimmt wurden. Daran änderte sich in den folgenden fünf Jahrzehnten kaum etwas.

weiß konturierte Autoradioskizze auf grünem Grund

Das Radiodisplay im ZIS-110 zeigt eine abstrakte Zahlenfolge von 1 bis 9.

Das Packard‑Radio stellte den AM‑Mittelwellenbereich von 600 - 1.600 kHz mithilfe der Skalenwerte 6 - 16 dar. Das war doppelt raffiniert:

  • Die physikalische Einheit wurde nicht abgebildet, so daß die reinen Ziffernwerte auch den Kurzwellenbereich abdeckten, dort jedoch in MHz.

  • Auf der Tachoskala ließ man nach dem gleichen Prinzip die Endnullen fort und schuf so ein optisch einheitliches Design.

KW-Bänder im A-695 Frequenzbereiche der Rundfunkbänder*
49 m 5,9 - 6,2 MHz
31 m 9,4 - 9,9 MHz
19 m 15,0 - 15,6 MHz

* Die angegebenen Frequenzbereiche sind die allgemeinen Rundfunkbandgrenzen, nicht die konkreten Abstimmgrenzen des A-13.

Zum Empfang von Kurzwellensendern nutzt man die Reflexion von Radiowellen an der Ionosphäre. Aufgrund der Sonneneinstrahlung ändert sich diese im Verlauf des Tages und mit ihr auch die Reichweite und Empfangsqualität der Kurzwellensignale.
In der UdSSR wurden daher die in der Tabelle genannten Tageszeiten für die Nutzung der Frequenzen empfohlen.

KW-Bänder im A-695 Empfohlene Empfangszeit
49 m 23:00 – 03:00 Uhr (Nachtband)
31 m 18:00 – 00:00 Uhr (Dämmerungsband)
19 m 14:00 – 18:00 Uhr (Sonnenlichtband)

Da die reichweitenstarken Sender der westlichen Welt wie Radio Liberty oder BBC dieselben, physikalisch vorgegebenen Zeitkorridore nutzten, liefen auch die in der sowjetischen Einflußzone häufig eingesetzten Störsender (sogenannte Jammer) in diesen Stunden auf Hochtouren - ein biblisches Durcheinander.
Aufgrund der qualitativ eingeschränkten Empfangsmöglichkeit von Langwellensendern entschied man sich, den Bereich auf einen Sender zu beschränken. Dieser wurde ab Werk mithilfe eines Drehkondensators voreingestellt, dessen Handrad durch die Gehäuserückwand hindurchgeführt wurde.

 

Packard-Radio = ZIS-Radio?

Nein, genau wie die beiden Fahrzeuge Packard One-Eighty und ZIS-110 trotz sehr großer Ähnlichkeiten nicht identisch sind, gilt diese Detailverschiedenheit auch für deren Radios.
Gehäusedesign, Lautsprecheranordnung, Bedienlogik und Tastenmechanik stimmten mit der Philco-Gerätefamilie, die 1941/1942 bei Packard zum Einsatz gelangte, überein.
Das elektrische Empfangsteil weist Übereinstimmungen (z.B. in der Stromversorgung durch einen Zerhacker), aber auch deutliche Abweichungen auf. So verwendete der sowjetische Apparat zum Beispiel eine andere Art der Abstimmung und hatte nur 6 statt 8 Röhren. Selbstverständlich beachteten die sowjetischen Radioelektroniker beim Kopieren sowjetische Industrienormen, Fertigungstoleranzen, Umweltbedingungen, Lieferketten und eigene Anforderungen.

Mit einem abschließenden Blick auf das Bedienfeld des US-Empfängers schließt sich der historische Kreis, da dort auch das Vorbild für den Metallzapfen zur Klangeinstellung sichtbar wird, der im ZIS-Handbuch beschrieben wurde.
Drehregler und Zapfen sind auf dem russischen Ersatzteilmarkt erhältlich, wenn auch aus Kunststoff.

Philco hatte in jede der fünf Senderwahltasten ein winzigkleines Drehrädchen eingefügt, mit dessen Hilfe man einen bevorzugten Sender für jeden Sendebereich ganz fein voreinstellen konnte. So filigran, daß es Ihrem Blick vermutlich entgangen ist, oder? Schauen Sie sich bitte die fünf dunkelgrau gefärbten Drucktasten einmal ganz genau an und vergegenwärtigen Sie sich die Wirkung dieser elektromechanischen Tune-O-Matic auf die Packard-Kunden in den 1940ern!
Als Resultat konsequenter Entfeinerung gab es im ZIS-Radio keine Tune-O-Matic und der Farbton der Drucktasten blieb selbst dann gelblich, wenn das A-695 in einem der wenigen Fahrzeuge mit abweichendem Innenraum-Farbschema installiert wurde. Die Drucktasten waren unverwüstlich, aber eben auch weit weniger raffiniert.

 

Kopieren bedeutet nicht klonen, sondern nachahmen!

Der erfolgreiche Nachbau des mobilen und erschütterungsresistenten Mehrfrequenzempfängers A-695 stellte einen wichtigen Entwicklungsschritt in der Geschichte der sowjetischen Radiotechnik dar, über den die Zeitschrift Radio bereits im Mai 1947 mit erkennbarem Stolz berichtete.

Foto 3 zeigt den Moment der Montage eines Radioempfängers im Stalin-Werk in einer dieser glänzenden ZIS-110-Limousinen, die immer häufiger auf den Straßen unserer Städte zu sehen sind.

Weiterführende Links

Quellennachweis

  • Abbildung 1 - Volga-21.ru

  • Abbildung 2 - Zeitschrift Radio; Journal- und Zeitungsvereinigung Moskau, Oktober 1936

  • Abbildung 3, 4, 7, 8, 9, 10, 11 - © Guscha.de

  • Abbildung 5 - Auszug aus dem Handbuch ZIS-110; Moskau 1948; deutsche und englische Übersetzung: © Guscha.de

  • Abbildung 6 - Zeitschrift Radio; Journal- und Zeitungsvereinigung Moskau, Nr. 2 vom Februar 1947

  • Abbildung 6 - Zeitschrift Radio; Journal- und Zeitungsvereinigung Moskau, Mai 1947

  • Tabelle 1 - Funkwelle.com (deutsch)

  • Tabelle 2 - Radiomuseum.org (deutsch)

 
 
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