Handbuch Seite 013b A-695

Beim Recherchieren in technisch seriöser, russischsprachiger Fachliteratur begegnet man auch heute, fast 80 Jahre nach Konstruktion des ZIS-110, noch immer der Legende, daß es sich bei dessen Radio um eine Weiterentwicklung des Radios AI-656 aus dem Vorgänger ZIS-101 handeln würde. Lassen Sie uns daher, werte Leser, mit einem kurzen Blick auf dieses Gerät unsere dreiteilige Radioserie beginnen.

 

Radio AI-656 im ZIS-101

Doppelseite einer Radiozeitschrift mit technischen Abbildungen

Ausschnitt aus einem zeitgenössischen, russischsprachigen Bericht mit umfassenden technischen Informationen über das Radio AI-656.

Das Radio im ZIS-101 war seinem angeblichen Nachfolger nicht einmal entfernt ähnlich. Die Komponenten Lautsprecher, Empfänger und Bedieneinheit waren auf mehrere Einbauorte im Wagen verteilt und nicht, wie beim A-695 im ZIS-110, in Blockbauweise zusammengefaßt.

Selbst diese Einzelkomponenten sind nur schwer mit den Baugruppen des Radios im ZIS-110 zu vergleichen. So ist beim ZIS-101 das Hochspannungsnetzteil im separaten Lautsprechergehäuse untergebracht. Beide Geräte unterscheiden sich auch bei der Röhrenbestückung, der Spulengröße, dem Tuning (im A-656 durch Ferritkern statt durch Drehkondensator) und auch beim Bedienkonzept. Und schließlich entstammen beide Empfänger aus unterschiedlichen Betrieben; im ZIS-101 war ein Radio aus Moskau installiert, während der ZIS-110 mit einem aus dem 300 Kilometer entfernten Murom ausgestattet wurde.

 

Transatlantische Verwandtschaft

Tatsächlich basierte das Radio im ZIS-110 vorrangig auf den Entwicklungsarbeiten, die durch US-Ingenieure in Philadelphia geleistet worden war. Das Design und eine Vielzahl der technischen Lösungen finden sich im Empfänger PA 362575, der 1942 im Packard zum Einsatz gelangte, sowie weiteren Entwürfen der Philco-Gerätefamilie.

PA 362575 im 1941/42 Packard One-Eighty / 110 / 120 / Super 8 entspricht dem Philco-Radio P-1835

 

Radio A-695 im ZIS-110

Das Handbuch erwähnt die Klangregelung über einen Stift aus Metall. Aus Metall? Viele ZIS-Besitzer würden widersprechen, da bei einem Großteil der Fahrzeuge nicht das handgefertigte Radio A-695 und auch nicht das für eine Übergangszeit eingesetzte A-4, sondern dessen Nachfolger A-5 zum Einsatz gelangte.

Der anfangs installierte Röhrenempfänger A-695 war elektrisch alles andere als bescheiden. Bei 6,3 Volt Bordspannung zog er etwa 8,5 Ampere – rund 54 Watt, wie die in der Sowjetunion erschienene Zeitschrift “Radio” in ihrer Ausgabe von Februar 1947 berichtete. Eine automatische Verstärkungsregelung sorgte dafür, dass die Lautstärke bei unterschiedlich starken Sendern weitgehend konstant blieb. Gerne senden wir Ihnen bei Interesse beide hier nur als kleine Vorschau gezeigten, jedoch sehr ausführlichen Radiospezifikationen kostenlos zu. Die obige umfaßt 8 Seiten, die hier gezeigte 6, alles russischsprachig.

Stellen Sie sich einfach eine bis vor kurzem noch haushaltsübliche 60-Watt-Glühlampe vor. Genau wie bei dieser wurde auch beim Radioempfänger nur ein kleiner Teil der aufgenommenen elektrischen Leistung für den eigentlichen Zweck genutzt. Beim A-695 kamen 4 Watt als Tonleistung am Lautsprecher an; der überwiegende Teil der Energie wurde in Wärme verwandelt.

Optisch sind die Empfänger leicht an ihren äußeren Merkmalen zu erkennen. Die fünf mechanischen Drucktaster zur Auswahl der Frequenzbereiche sind beim A-695 abgeflacht wie beim Packard-Radio. Auch der metallische Klangregler ist bei beiden Geräten vorhanden.

Die unten gezeigte Kunststoffnachbildung des ursprünglich metallischen Klangreglers wird auf dem heutigen Teilemarkt angeboten, war jedoch historisch bei keinem Gerät anzutreffen.

 

Reflexionen über ein Röhrenradio

Die Skala des sowjetischen Radios A-695, hergestellt in den noch heute (2026) existierenden Murom Radiowerken, bestand aus einer einfachen, abstrakten Zahlenfolge von 1 bis 9, die dem Radiohörer grobe Orientierung bei der Sendersuche bieten sollte. Völlig ausreichend in einer Zeit, in der die Sender ohnehin nach Gehör abgestimmt wurden. Daran änderte sich in den folgenden fünf Jahrzehnten kaum etwas.

weiß konturierte Autoradioskizze auf grünem Grund

Das Radiodisplay im ZIS-110 zeigt eine abstrakte Zahlenfolge von 1 bis 9.

Das Packard‑Radio stellte den AM‑Mittelwellenbereich von 600 - 1600 kHz mithilfe der Skalenwerte 6 - 16 dar. Das war doppelt raffiniert:

  • Die physikalische Einheit wurde nicht abgebildet, so daß die reinen Ziffernwerte auch den Kurzwellenbereich abdeckten, dort jedoch in MHz.

  • Auf der Tachoskala ließ man nach dem gleichen Prinzip die Endnullen fort und schuf so ein optisch einheitliches Design.

KW-Bänder im A-695 Frequenzbereiche im A-695
49 m 5.9 - 6.2 MHz
31 m 9.4 - 9.9 MHz
19 m 15.0 - 15.6 MHz

Zum Empfang von Kurzwellensendern nutzt man die Reflexion von Radiowellen an der Ionosphäre. Da sich diese im Verlauf des Tages verändert, wurden in der UdSSR die in der Tabelle genannten Tageszeiten für die Nutzung der Frequenzen empfohlen.

KW‑Bänder im A‑695 Empfohlene Empfangszeit
19 m 14:00 – 18:00 Uhr (Sonnenlichtband)
31 m 18:00 – 00:00 Uhr (Dämmerungsband)
49 m 23:00 – 03:00 Uhr (Nachtband)

Da die reichweitenstarken Sender der westlichen Welt wie Radio Liberty oder BBC dieselben, physikalisch vorgegebenen Zeitkorridore nutzten, liefen auch die in der sowjetischen Einflußzone weit verbreiteten Störsender in diesen Stunden auf Hochtouren – ein biblisches Durcheinander.

 

ZIS-Radio = Packard-Radio? Nein!

Gehäusedesign, Lautsprecheranordnung, Bedienlogik und Tastenmechanik stimmten mit der Philco-Gerätefamilie, die 1941/1942 bei Packard zum Einsatz gelangte, überein.
Das elektrische Empfangsteil weist Übereinstimmungen (z.B. in der Stromversorgung durch einen Vibrator), aber auch deutliche Abweichungen auf. So verwendete der sowjetische Apparat zum Beispiel eine andere Art der Abstimmung und hatte nur 6 statt 8 Röhren.

Philco hatte im Empfänger des Packard One-Eigthy darüberhinaus in jede der fünf Senderwahltasten ein Drehrädchen eingefügt. Konzentrieren Sie Ihren Blick bitte auf die grau gefärbten Drucktasten in der Abbildung unten, um die winzigkleinen Rädchen zu entdecken. Mit deren Hilfe konnte man sich für jeden Sendebereich seinen Lieblingssender ganz fein voreinstellen. Vergegenwärtigen Sie sich bitte die Wirkung dieser elektromechanischen Tune-O-Matic auf die Packard-Kunden in den 1940ern!
Mit einem abschließenden Blick auf das Bedienfeld des US-Empfängers schließt sich der Kreis, da dort auch das Vorbild für den Metallstift zur Klangeinstellung, der im ZIS-Handbuch beschrieben wurde, sichtbar wird.

Im ZIS-Radio gab es keine Tune-O-Matic. Die Drucktasten des A-695 waren unverwüstlich, aber eben auch weit weniger raffiniert.

Weiterführende Links

Quellennachweis

  • Abbildung 1 - Auszug aus dem Handbuch ZIS-110; Moskau 1948;
    deutsche und englische Übersetzung: © Guscha.de

  • Abbildung 2 - Zeitschrift Radio; Ausgabe 02/1947

  • Abbildung 3, 4, 6, 7 - © Guscha.de

  • Abbildung 5 - Zeitschrift Radio; Ausgabe 04/1950

  • Tabelle 1 - Funkwelle.com

  • Tabelle 2 - Radiomuseum.org

 
 
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